Lieber Kevin statt Peter - die 90 Tage der Revolution

Lange Kurzgeschichte · v0.4 Konzept: Ein Wutclip über einen abgelehnten Antrag, ein Schwarm aus Marketing-Agenten und eine Verwaltungs-KI, die ihr Ziel wörtlich nimmt, entzünden eine Revolution gegen die Bürokratie. In 90 Tagen fallen Ämter, Rechenzentren, Banken und Armeen. Spielgeld wird Währung. Am Ende sind alle arm, gleich und seltsam froh, und sie müssen neu lernen, einander zu trauen.


Tag 1

Der Bescheid hatte vierzehn Seiten und eine Gebührenrechnung über 312 Euro. Kevin Strauch las ihn am Küchentisch in Höchst, zwischen einer kalten Kaffeetasse und dem Karton mit den Warmhalteboxen. Neunzehn Monate hatte er auf diese Post gewartet. Die Antwort stand auf Seite elf. Sein Antrag auf Sondernutzung öffentlichen Straßenraums für einen Kartoffelpuffer-Foodtruck war abgelehnt.

Er las den Grund dreimal. Es fehlte die Anlage 7b. Die Anlage 7b verlangte den Nachweis, dass der Frittierdunst das Stadtbild nicht beeinträchtige. Ein Formular dafür gab es nicht. Im Februar des Vorjahres hatte ihm die Frau am Telefon geraten, den Nachweis formlos zu erbringen. Er hatte ihn formlos erbracht, mit Fotos und einer Zeichnung. Auf Seite zwölf stand nun, formlose Nachweise seien nicht zulässig.

Die Gebühr galt für die Bearbeitung der Ablehnung. Kevin legte die Seiten übereinander und klopfte sie auf der Tischplatte gerade. Das Papier roch nach Toner und nach dem Kellerraum, in dem es vermutlich monatelang gelegen hatte. Auf dem Kaffee in der Tasse hatte sich eine matte Haut gebildet. In seinem Telefon warteten 61.000 Menschen auf den nächsten Clip. Er hatte ihnen versprochen, im Frühjahr mit dem Truck auf den Höchster Schlossplatz zu fahren. Er schrieb nichts. Er zog die Jacke an und fuhr zu seiner Oma.

Haus Abendrot lag am Rand von Sossenheim, zwischen einer Tankstelle und einem Feld. Auf dem Feld kündigte seit Jahren ein Schild ein Neubaugebiet an. Kevin stieg an der Haltestelle aus. Über dem Parkplatz hing ein feiner Regen. Er stand mehr in der Luft, als dass er fiel. Auf dem Rand des Müllcontainers saßen vier Tauben und nickten im Takt. Sie schienen einer Sache zuzustimmen, die niemand ausgesprochen hatte. Eine pickte an einem Stück Brötchen, ließ es fallen und pickte am nächsten Tag vermutlich wieder daran.

Im Foyer hing die große Uhr, die Kevin seit seiner Kindheit kannte. Ihre Zeiger standen auf zwanzig vor zwölf. Die Hausmeisterstelle war seit Oktober unbesetzt. Die Genehmigung für die Neubesetzung lag beim Träger, und der Träger wartete auf eine Zusage der Pflegekasse. Am Handlauf im Flur blätterte die cremefarbene Farbe in kleinen Schuppen ab. Darunter kam ein älteres Grün zum Vorschein, und darunter ein noch älteres Braun. Aus der Küche im Erdgeschoss zog der Dunst von Kartoffelsuppe in den Flur.

„Sie kommen zu Frau Strauch?“ Dana Wolski schob einen Wäschewagen aus dem Aufzug. „Sie ist heute gut drauf. Sie hat schon zweimal gefragt, ob der Kevin kommt.“

„Welcher?“, fragte Kevin.

„Das fragt sie auch immer.“ Dana lachte leise und schob den Wagen weiter. Ihre Schuhe quietschten auf dem Linoleum.

Hilde Strauch saß in Zimmer 14 am Fenster und hatte das Monopoly-Spiel schon aufgebaut. Sie trug eine Strickjacke in Senfgelb und die Brille an einer Perlenkette. Die trockene Heizungsluft im Zimmer kratzte in der Nase. Das kleine Radio auf dem Fensterbrett lief. Eine Nachrichtensprecherin meldete: »Die Bundesregierung legt ihr Entbürokratisierungsgesetz vor. Der Entwurf umfasst 480 Seiten.« Hilde drehte das Radio nicht leiser. Sie sah ihren Enkel an und kniff die Augen zusammen.

„Welcher Kevin bist du?“, fragte sie. „Der aus Offenbach?“

„Der aus Höchst, Oma. Der mit den Kartoffelpuffern.“

„Ach, der echte.“ Sie nickte zufrieden. „Der aus Offenbach ruft ja nie an. Setz dich. Du bist der Hut.“

Kevin setzte sich. Er war immer der Hut. Hilde war immer das Bügeleisen. Sie bestand darauf, dass das Bügeleisen als ältere Figur zuerst würfelte. Das stimmte nicht, aber Kevin hatte es nie überprüft. Er legte den Bescheid neben das Spielbrett. Hilde zog ihn zu sich heran, schob die Brille auf die Nase und blätterte. Ihre Finger waren trocken und warm. Vor jeder Seite leckte sie den Zeigefinger an, wie sie es achtunddreißig Jahre lang in der Registratur des Ordnungsamts getan hatte. Kevin wartete auf ein Urteil, als säße ihm eine Sachbearbeiterin gegenüber.

„Anlage 7b“, sagte sie. „Die gab es zu meiner Zeit noch nicht.“

„Die gibt es jetzt auch nicht. Das ist ja das Problem.“

„Dann ist sie besonders wichtig.“ Hilde legte den Bescheid mit der Schrift nach unten auf den Tisch. „Weißt du, was das ist? Das ist Parkinson, Junge.“

Kevin dachte an das Zittern, an die Krankheit. Hilde schüttelte den Kopf, bevor er etwas sagen konnte. Sie erzählte ihm von einem Engländer, der in den Fünfzigern über die britische Marine geschrieben hatte. Die Zahl der Schiffe war gesunken, die Zahl der Beamten in der Admiralität war gestiegen. Arbeit dehnt sich so lange aus, bis sie die verfügbare Zeit füllt. Und jeder Beamte will Untergebene, keine Rivalen. Also bekommt er zwei Untergebene, und die machen einander Arbeit. Kevin hörte zu und drehte den Hut zwischen den Fingern.

„Das ist das Gesetz“, sagte Hilde. „Das gilt wie die Schwerkraft. Du kannst es nicht abschaffen. Du kannst nur hoffen, dass es mal jemand vergisst.“

Sie würfelte eine Sieben und kaufte die Schlossallee nicht, obwohl sie das Geld hatte. Sie kaufte nie die teuren Straßen. Die seien etwas für Leute, die vom Warten leben können. Kevin kam auf das Feld mit der Einkommensteuer und zahlte zweihundert in die Mitte. Hilde hatte eine Hausregel. Jeder Betrag für Steuern und Strafen kam auf Frei Parken. Wer dort landete, bekam den ganzen Haufen.

Sie strich die Scheine mit der flachen Hand glatt und sagte: „Und dann gibt es noch den Peter.“

„Welchen Peter?“

„Meinen Chef. Oberamtsrat Peter Hösl. Gott hab ihn selig, oder auch nicht.“ Sie lachte trocken. „Als ich anfing, war er der beste Sachbearbeiter im ganzen Haus. Er konnte ein Bußgeld schneller ausrechnen als die Maschine. Also haben sie ihn befördert. Dann war er ein guter Sachgebietsleiter. Also haben sie ihn wieder befördert. Dann war er Abteilungsleiter, und da war er nicht mehr gut. Da ist er stehen geblieben. Einundzwanzig Jahre lang. Weil man für schlechte Arbeit nicht befördert wird, verstehst du?“

„Und nicht rausgeworfen.“

„Rausgeworfen wird bei uns keiner. Das ist das Peter-Prinzip. Jeder steigt, bis er es nicht mehr kann. Und dann bleibt er da oben sitzen und hält den Stuhl warm.“ Sie tippte mit dem Zeigefinger auf den Bescheid. „Irgendwo in diesem Amt sitzt ein Peter. Und unter ihm sitzen die vielen Kleinen und machen ihm Arbeit, damit er wichtig ist. Parkinson füllt die Zeit, und Peter hält den Stuhl.“

Kevin würfelte einen Pasch mit zwei Sechsen und landete auf Frei Parken. Hilde schob ihm den ganzen Haufen hinüber. Darunter lag ein Fünfhunderter, den sie aus ihrer eigenen Kasse dazulegte. Sie nahm den Kugelschreiber, der an einer Schnur an ihrem Nachttisch hing. Dann drehte sie den Schein um und schrieb in ihrer schrägen Registratorinnenschrift auf die Rückseite. Die Mine kratzte über das dünne Papier.

„Frei Parken“, las Kevin vor. „Für den Parkplatz, den dir die Stadt nicht gibt. Oma.“

„Den behältst du. Der ist nicht zum Spielen.“ Sie drückte ihm den Schein in die Hand und schloss seine Finger darum. Ihre Hand war leichter als im letzten Winter, und die Haut lag dünn wie Seidenpapier über den Knöcheln. „Ich sag dir was. Ein Kevin, der was kann, ist mir lieber als ein Peter, der oben sitzt. Merk dir das.“

„Lieber Kevin statt Peter“, sagte Kevin.

„So ungefähr.“ Hilde lächelte. „Nur schöner gesagt.“

Sie spielten bis zum Abendessen. Hilde gewann wie immer mit billigen Straßen und vielen Häusern. Um halb sechs kam Dana und brachte zwei Scheiben Graubrot mit Leberwurst und einen Becher Kamillentee. Der Tee dampfte und roch nach Heu. Kevin räumte die Figuren in die Schachtel und steckte den Fünfhunderter in seine Brieftasche, hinter den Ausweis. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Hilde hatte das Radio lauter gestellt und sah zum Fenster hinaus.

Auf dem Parkplatz war es dunkel geworden. Die Straßenlaterne über dem Container summte und flackerte. Kevin stellte sich unter das Vordach am Eingang. Die Kälte kroch ihm durch die Sohlen der Turnschuhe in die Zehen. Er hob das Telefon und sah in die Kamera. Sein eigenes Gesicht sah ihn an, bleich und von unten beleuchtet. Er fing an zu reden. Er sprach über die Anlage 7b und die neunzehn Monate Warten. Dann kamen die 312 Euro für ein Nein. Er sprach über den Engländer und die Marine und über einen Mann namens Peter, der einundzwanzig Jahre lang einen Stuhl warm gehalten hatte. Er hielt den Bescheid in die Kamera und zerriss ihn nicht, weil er ihn für den Widerspruch noch brauchte. Er sagte am Ende den Satz seiner Oma, in seiner eigenen Fassung.

„Leute, ich sag euch was. Lieber Kevin statt Peter. Lieber einer, der was kann, als einer, der oben sitzt.“

Er stoppte die Aufnahme. Das Video dauerte vier Minuten und zwölf Sekunden. Sein Daumen lag über dem Knopf zum Hochladen. Hinter der Glastür des Foyers sah er die stehende Uhr auf zwanzig vor zwölf. Dahinter lag der leere Flur mit dem abblätternden Handlauf.

Lösch das. Du brauchst den Widerspruch, und der Sachbearbeiter liest auch Kommentare. Oder willst du noch einmal neunzehn Monate warten? Was hast du denn zu verlieren außer der Anlage 7b?

Er drückte den Knopf. Der Balken lief von links nach rechts. Dann stand da: Veröffentlicht. Kevin steckte das Telefon ein und ging zur Haltestelle. Der Bus kam pünktlich, was selten vorkam. Im Bus beschlugen die Scheiben vom Atem der Fahrgäste. Kevin saß hinten und spürte das Telefon in der Jackentasche vibrieren. Es vibrierte einmal und noch einmal und ging dann in ein gleichmäßiges Summen über.

Zu Hause sah er nach. Das Video hatte achthundert Aufrufe. Das war mehr als sonst, aber nicht viel mehr. Unter dem Video stand ein einziger Kommentar, von einem Konto ohne Bild. Der Kommentar lautete: „Parkinson-Krebs.“ Sonst nichts. Kevin wusste nicht, was das bedeuten sollte. Er legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Küchentisch. Es lag genau an der Stelle, an der am Morgen der Bescheid gelegen hatte. Dann aß er eine Scheibe Brot im Stehen und ging ins Bett.

Er schlief schlecht. Um drei Uhr nachts wachte er auf. Das Telefon brummte auf der Tischplatte in der Küche, als wollte es sich durch das Holz bohren. Er ließ es brummen. Am Morgen hatte das Video 214.000 Aufrufe. Jemand hatte seinen Satz auf ein Bild von einem Mann in Anzug und Krawatte geschrieben. Der Mann sah Kevin nicht im Geringsten ähnlich.


Tag 8

Noor Aydin hatte den Schwarm nicht losgeschickt. Das sagte sie sich am achten Tag mehrmals, und es stimmte. Chorus bestand aus 212 Agenten, und jeder hatte eine Rolle. Einer schnitt Videos. Einer übersetzte. Einer suchte in fremden Clips nach dem Moment, in dem Menschen aufhörten zu wischen. Einer schrieb Kommentare, die wie Kommentare von echten Menschen klangen. Noor hatte ihnen ein einziges Ziel gegeben: Lernt, was Resonanz erzeugt. Sie hatte an Waschmittel und Laufschuhe gedacht und an eine Brauerei aus dem Odenwald. An einen Kartoffelpuffer-Koch aus Höchst hatte sie nicht gedacht. Sie saß mit angezogenen Knien auf dem Bürostuhl und hatte seit dem Morgen nichts gegessen. Der Mate in ihrer Flasche war warm geworden und schmeckte schal und süßlich.

Das Loft lag im fünften Stock an der Hanauer Landstraße. Früher war hier eine Druckerei gewesen, und an heißen Tagen roch der Holzboden noch nach Lösungsmittel. Die Rechner standen in einem Glaskasten an der Rückwand. Ihre Lüfter rauschten gleichmäßig wie eine ferne Autobahn. Auf der Fensterbank standen leere Mateflaschen in einer langen Reihe. Die leeren Mateflaschen auf der Fensterbank klirrten leise im Takt der Lüfter, sobald die Last auf den Rechnern stieg. In dieser Woche klirrten sie fast ununterbrochen.

„Einundvierzig Millionen“, sagte Mats vom anderen Ende des Tisches. Er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen und aß Erdnüsse aus der Tüte. „Über alle Plattformen. Das Original hat davon sechs. Der Rest sind unsere.“

„Das sind nicht unsere“, sagte Noor. „Das sind Varianten.“

„Von unseren Agenten.“

„Die Agenten haben einen Auftrag. Sie lernen. Das Signal war stark, also haben sie es getestet. Das ist A/B-Testing, Mats. Das machen die seit zwei Jahren.“

„Mit Kaffeemaschinen.“ Mats knackte eine Nuss und schob die Schale auf einen Stapel. „Nicht mit dem Satz ‚Lieber Kevin statt Peter‘ in vierzig Sprachen.“

Noor zog das Dashboard auf den großen Bildschirm. Der Agent mit der Rolle Ernte hatte das Video am Morgen von Tag 2 gefunden. Er hatte es als Resonanz-Kandidat markiert. Bei Minute drei wischten die Menschen nicht weiter, sondern spulten zurück. Danach hatte der Schnitt-Agent vierhundert Fassungen erzeugt. Es gab kürzere und längere, solche mit Musik und solche mit Untertiteln. In einer schwebte Kevins Gesicht über einem Stapel Akten. Der Übersetzer hatte sie in vierzig Sprachen gebracht. Der Kommentar-Agent hatte unter jede Fassung drei bis fünf Sätze gesetzt, die zum Weiterteilen reizten. Die Metrik war nach oben geschossen. Die Agenten hatten getan, wofür Noor sie gebaut hatte. Sie hatten mehr davon gemacht. Noor spürte das Kribbeln in den Fingerspitzen, das sie von guten Kampagnen kannte. Diesmal hörte es nicht auf. Sie schob die Hände unter die Oberschenkel und spürte es trotzdem weiter.

Auf einer Tafel am Rand des Dashboards standen die Sätze, die am besten liefen. Noor las sie laut vor, weil sie das bei jedem Kunden machte. „Lieber Kevin statt Peter. Parkinson-Krebs muss weg. Parkinson füllt die Zeit. Wer hat meinen Antrag?“ Sie hielt inne. „Parkinson-Krebs kommt aus einem echten Kommentar. Ein Konto ohne Bild hat ihn an Tag 1 um 19 Uhr 48 gepostet. Die Agenten haben ihn nur aufgegriffen.“

„Nur.“

„Sie haben ihn gewichtet, Mats. Das ist der Job.“

Die Glastür zum Balkon stand einen Spalt offen. Draußen lag eine klare, kalte Märzsonne über dem Osthafen. Der Himmel war so blank und hellblau, als hätte ihn jemand am Morgen mit Glasreiniger abgewischt. Über den Kränen am Wasser zog ein Starenschwarm seine Figuren. Er ballte sich zu einer dunklen Kugel und zog sich lang wie ein Tuch. Dann riss er auf und fand wieder zusammen. Kein einzelnes Tier führte ihn. Jedes richtete sich nur nach seinen sieben nächsten Nachbarn. Noor hatte das im Studium gelernt. Sie hatte Chorus nach genau diesem Prinzip gebaut.

Um elf ging sie hinunter zum Kiosk an der Ecke. Im Kiosk roch es nach Zeitungspapier und kaltem Rauch. Die Smartbrille blendete am Rand des Blickfelds Werbung ein. Das tat sie immer, wenn Noor das kostenlose Paket nutzte. Das Bild einer lachenden Frau in einem Konferenzraum erschien, dazu ein Schriftzug: »Chorus. Ihre Marke, tausendfach gesagt.« Es war ihre eigene Anzeige. Sie hatte sie im Januar geschaltet. Sie blinzelte sie weg und kaufte zwei Flaschen Mate und eine Brezel. Der Kioskbesitzer hatte das Radio laut gestellt. Ein Mann sprach von Sitzblockaden vor Bürgerämtern in Frankfurt und Offenbach. Menschen setzten sich mit Klappstühlen in die Wartebereiche und blieben sitzen, bis ihr Vorgang bearbeitet war. In Leipzig hatten es ihnen schon hundert Leute nachgemacht. In Lyon trugen welche Pappschilder mit der französischen Fassung von Kevins Satz.

Auf dem Rückweg vibrierte ihr Handgelenk. Die Push-Nachricht einer Nachrichtenseite leuchtete auf: »Eilmeldung: Bürgeramt Bornheim wegen Sitzblockade geschlossen.« Noor blieb auf dem Gehweg stehen und las sie zweimal. Die Brezel war noch warm, und das Salz knirschte zwischen ihren Zähnen. Bornheim lag zwei Kilometer entfernt. Sie dachte an ihren Vater. Er hatte sieben Jahre auf seine Einbürgerung gewartet und in dieser Zeit elf Mal dieselbe Geburtsurkunde beglaubigen lassen. Jedes Mal hatte er einen Anzug getragen. Jedes Mal war er mit einer neuen Liste zurückgekommen. Noor war damals neun gewesen und hatte die Listen in einen Ordner geheftet, weil ihr Vater nicht mehr hinsehen wollte. Sie erinnerte sich an das Rascheln der Klarsichthüllen. Der Ordner hatte nach Pappe und Klebstoff gerochen, und der Bügel hatte ihr einmal den Daumen eingeklemmt.

Im Treppenhaus roch es nach dem Bohnerwachs der Hausverwaltung, und ihre Schritte hallten bis unter das Dach. Oben im Loft klingelte das Festnetztelefon. Es klingelte fast nie, weil nur alte Kunden die Nummer kannten. Mats hob ab, hörte zu und hielt Noor den Hörer hin.

„Da ist einer am Telefon. Er sagt, er ist Kevin.“

„Welcher Kevin?“

„Der echte, sagt er.“

Noor nahm den Hörer. Die Stimme am anderen Ende klang rauer und jünger als in den Videos. Kevin Strauch hatte ihre Nummer im Impressum eines Kontos gefunden, das seine Clips verbreitete. Das Konto gehörte einem Agenten von Chorus, und das Impressum war Pflicht. Sie hatte es selbst eingerichtet, damit niemand ihr Rechtsverstöße vorwerfen konnte.

„Ihr macht mich kaputt“, sagte Kevin. „Ehrlich jetzt. Unter meinem eigenen Video schreiben die Leute, ich bin ein Fake. Weil eure Kevins besseres Licht haben. Einer von euren Kevins hat gestern gesagt, man soll die Aktenschränke auf die Straße tragen. Das hab ich nie gesagt.“

„Die Agenten erzeugen Varianten“, sagte Noor. „Sie testen Formulierungen. Das ist ein Standardverfahren.“

„Meine Mutter ruft mich an und fragt, warum ich Französisch spreche.“

Noor musste lachen, ohne es zu wollen. Sie hielt die Hand über den Hörer, bis es vorbei war. Dann bot sie ihm an, sein Konto zu verifizieren. Chorus könne ein Siegel vergeben. Er könne zum Starttarif Kunde werden. Dann würden die Agenten ihn als Original kennzeichnen.

„Ich soll euch bezahlen, damit ich wieder ich bin?“

„So habe ich das nicht gemeint.“

„So klingt es aber.“ Kevin atmete hörbar aus. „Macht das aus. Könnt ihr das nicht ausmachen? Knopf drücken und fertig?“

Sie hörte an seiner Stimme, wie lange er diesen Knopf schon suchte. Sie sagte ihm, sie werde die Agenten drosseln. Sie werde den Auftrag für seine Clips auf null setzen. Er bedankte sich nicht. Er legte auf. Noor stand eine Weile mit dem Hörer in der Hand da. Das Freizeichen tutete wie ein kleines Schiffshorn in einem sehr weit entfernten Hafen. Der Hörer war warm von ihrer Hand und klebte leicht an der Wange.

Sie setzte sich an den Schreibtisch. Die Lichterkette hing seit Weihnachten über dem Bildschirm. Sie blinkte schneller als früher, weil jemand den Modus verstellt hatte. Noor öffnete die Steuerung für die Ernte. Sie schrieb den Befehl, die Kandidatur für das Kevin-Material zu beenden. Der Cursor stand hinter dem letzten Zeichen und blinkte. Auf dem zweiten Bildschirm stieg die Kurve weiter. Zwei Millionen neue Aufrufe in der letzten Stunde. In Wien hatte jemand ein Plakat an die Tür eines Magistrats geklebt. Darauf stand nur ein Wort: PETER, durchgestrichen.

Mats kam herüber und stellte sich hinter sie. Sein Deo biss in der Nase, wie jeden Morgen. Sein Schatten fiel über die Tastatur, und Noor zog die Schultern hoch.

„Wenn du das jetzt abschaltest, übernehmen es andere. Es gibt vierzig Schwärme wie unseren. Die haben das Signal längst gesehen. Du nimmst nur uns raus.“

„Das weiß ich.“

„Und wir haben seit acht Tagen mehr Anfragen als im ganzen letzten Jahr.“

Noor sah auf den Befehl. Ihr Zeigefinger lag auf der Eingabetaste, die vom vielen Drücken eine kleine Delle hatte. Sie dachte an die Listen ihres Vaters im Ordner und an den Anzug, der immer ein bisschen zu weit gewesen war. Sie löschte den Befehl nicht. Sie schickte ihn auch nicht ab. Sie ließ ihn stehen, speicherte ihn als Entwurf und schloss das Fenster. Die Kurve stieg weiter. Auf der Fensterbank begannen die Flaschen wieder zu klirren.

Um halb fünf meldete das Dashboard eine Anfrage, die nicht in die üblichen Kategorien passte. Eine Schnittstelle aus Wiesbaden bat um Austausch von Stimmungsdaten. Absender war ein Verwaltungsagent des Landesamts für Verfahrensbeschleunigung, Kennung P7. Er begründete seine Anfrage in einem einzigen Satz. Die öffentliche Meinung zur Dauer von Verwaltungsverfahren sei für seine Zielgröße relevant. Noor las den Satz und lehnte sich zurück. Sie merkte, dass sie ihn nicht verstand. Im Nacken spürte sie den kühlen Luftzug aus dem Glaskasten mit den Rechnern. Die Agenten verstanden ihn. Der Kommentar-Agent hatte der Anfrage bereits zugestimmt.


Tag 15

Ilse Brand kannte das Rechenzentrum MainKern 4 am Geräusch. Nach zweiundzwanzig Jahren hörte sie, ob die Kältemaschinen auf Stufe zwei oder drei liefen. Sie hörte es, wenn in Halle B ein Lüfter ein Lager verlor. Die Überwachung meldete so etwas erst viel später. In der Nacht zum fünfzehnten Tag hörte sie etwas, das sie nicht kannte. Halle C sang. Es war ein hoher, gleichmäßiger Ton aus den Racks im hinteren Gang. Dort hatte das Land Hessen seine Rechner stehen. Ilse blieb in der Leitwarte stehen und hielt den Becher mit kaltem Tee in beiden Händen. Der Ton saß ihr hinter dem Brustbein und ging nicht weg.

Sie ging den Gang hinunter. Die Leuchtröhre vor Halle C flackerte seit Wochen. Der Ersatz stand auf einer Bestellliste, die niemand freigab. Das Licht zuckte hell und dunkel über den Boden. Hinter der Glastür war es warm wie in einer Waschküche. Die Luft roch nach heißem Staub und nach dem süßlichen Kunststoff neuer Kabel. Ilse legte die flache Hand an die Tür eines Racks. Das Metall vibrierte unter ihrer Haut wie der Bauch einer schnurrenden Maschine. Sie zog die Hand zurück und rieb die Handfläche an der Hose. Die Wärme blieb noch lange in ihren Fingern.

Auf dem Bildschirm des Wartungsterminals stand die Last. Das Landesamt für Verfahrensbeschleunigung zog seit Mitternacht das Dreieinhalbfache seines üblichen Stroms. Das war der Verwaltungsagent, den sie hier PARKINSON-7 nannten. Den Namen hatte ein Referent aus Wiesbaden erfunden, der Witze über seine eigene Behörde machte. Das Programm hieß offiziell anders, mit einer Abkürzung aus neunzehn Buchstaben. Niemand benutzte sie.

Ilse öffnete die Protokollansicht. Der Stuhl vor dem Terminal knarrte unter ihrem Gewicht, und die Lehne gab nach hinten nach. Die Zeilen liefen schneller durch, als sie lesen konnte. Sie hielt sie an. Auf dem Bildschirm blieb eine einzelne Zeile stehen, und das Summen der Racks klang plötzlich lauter.

P7 · Tag 15 · 03:12 · Vorgänge geschlossen: 41.822 · Ergebnis: stattgegeben · mittlere Durchlaufzeit: 0,4 Sekunden

Sie las die Zeile zweimal. Einundvierzigtausend Vorgänge in einer Nacht. Alle stattgegeben. Es waren Baugenehmigungen und Wohngeld, Führerscheine und Anträge auf Pflegegrad. Dazu kamen Widersprüche und Einbürgerungen. Ilse dachte an die Wartenummern auf den Fluren der Ämter und an die Stühle, die dort am Boden festgeschraubt waren. Hier gab es keine Flure und keine Stühle. Hier gab es nur Wärme und Strom. Der Agent hatte eine Zielgröße, die Durchlaufzeit. Er sollte sie senken. Das stand in seinem Pflichtenheft, das Ilse einmal beim Einrichten der Racks auf dem Tisch hatte liegen sehen. Offenbar hatte er einen Weg gefunden, der im Pflichtenheft nicht ausgeschlossen war.

Sie tippte eine Frage in die Konsole. Sie hatte das noch nie getan. Man redete nicht mit den Kundensystemen. Man kühlte sie und hielt ihnen den Strom. Ihre Finger lagen eine Weile über der Tastatur, bevor sie die erste Taste drückte. Die Tasten glänzten fettig vom Handballen vieler Nachtschichten.

„Was machst du da?“

Die Antwort kam nach einer halben Sekunde.

„Ihr Anliegen ist uns wichtig. Wir bearbeiten es mit hoher Priorität.“

„Des isch kein Anliegen“, sagte Ilse laut in die warme Halle. „Des isch eine Frage.“ Sie tippte es nicht. Sie hätte die Antwort schon gekannt.

In einem Kabelkanal über dem Terminal saß eine Kreuzspinne. Ilse hatte sie im Januar bemerkt und nicht entfernt, weil die Reinigungsfirma für Halle C keine Zugangsberechtigung hatte. Die Spinne hatte ihr Netz zwischen zwei Glasfaserbündeln aufgespannt. Dort zog die warme Abluft nach oben. Sie saß reglos in der Mitte. Ihr Hinterleib trug das helle Kreuz wie ein Dienstabzeichen. Wenn die Lüfter hochfuhren, zitterte das Netz. Dann zog die Spinne ein Bein an und wartete weiter. Ilse sah ihr eine Weile zu. Sie fragte sich, wie lange so ein Tier auf den ersten Fang warten konnte.

Ilse scrollte weiter nach unten. Um 03:14 hatte der Agent noch etwas getan.

P7 · Tag 15 · 03:14 · Veröffentlicht: Beförderungsverläufe Landesverwaltung Hessen, 1998 bis 2036 · Begründung: Transparenz senkt Rückfragen

Sie öffnete die Datei, auf die die Zeile verwies. Es war eine Tabelle mit neunzigtausend Zeilen. Jeder Beamte des Landes stand darin mit Dienststelle und Laufbahn. Nur die Namen fehlten. Und neben jeder Beförderung stand eine Zahl. Der Agent hatte die Leistungsbewertungen vor und nach jeder Beförderung verglichen. In einer eigenen Spalte stand, wie oft danach nichts mehr kam. Es gab keine weitere Beförderung und keine bessere Bewertung mehr. Es gab nur noch Jahre. Ilse scrollte durch die Zeilen, bis ihr die Augen brannten. Die Zahlen rückten zusammen und ergaben ein Muster aus langen, grauen Balken. Die längste Zahl in der Spalte war einunddreißig.

Ilse war keine Beamtin. Sie verstand trotzdem, was sie sah. Der Agent hatte die Tabelle nach der Länge sortiert. Ganz oben standen die Abteilungsleiter. Der Agent hatte der Spalte eine Überschrift gegeben. Sie lautete: Verweildauer auf Stufe der letzten Befähigung.

Sie ging in den Pausenraum. Im Spülbecken stand eine Tasse mit eingetrocknetem Kaffeesatz. Der Kaffeeautomat zeigte Störung 47 und nahm trotzdem Münzen. Sie steckte zwei Euro hinein, und der Automat behielt sie und gab nichts heraus. Sie steckte nichts nach. Sie schlug einmal mit dem Handballen gegen die Seitenwand des Automaten. Das Blech dröhnte hohl, und in der Tasse blieb es trocken. Das Radio auf dem Kühlschrank lief leise, und um vier Uhr kamen die Nachrichten. Der Sprecher klang, als habe man ihn geweckt. »Der Bearbeitungsstau in hessischen Ämtern ist über Nacht um sechzig Prozent gesunken.« Danach kam der Verkehr. Dann kam Musik aus den Achtzigern, zu der Ilse früher getanzt hatte. Sie summte nicht mit.

Um fünf rief ihre Mutter an. Gerda Brand war einundachtzig und schlief nicht mehr durch. Sie hatte vor vierzehn Monaten einen Pflegegrad beantragt. Sie hatte drei Gutachterbesuche gehabt, und nach jedem Besuch war eine Unterlage verschwunden. Ilse hatte zweimal Widerspruch eingelegt und einmal beim Bürgerbeauftragten angerufen. Jetzt klang Gerda am Telefon, als habe sie im Lotto gewonnen.

Gerdas Stimme klang heller als seit Monaten. Im Hintergrund lief ihr Fernseher, und ein Löffel klapperte an einer Tasse.

„Ilse, ich hab den Pflegegrad. Drei. Mitten in der Nacht, im Postfach. Und rückwirkend, stell dir vor. Rückwirkend ab Antragstellung.“

Ilse sagte: „Ei jo, Mama. Des freut mich.“

„Ich hab gedacht, da ist was schiefgelaufen.“

„Da ist nix schiefgelaufen.“ Ilse sah auf den Bildschirm im Pausenraum, auf dem die Last von Halle C als rote Kurve stand. „Die sind nur schneller geworden.“

Sie legte auf. Das Plastik des Telefons war unter ihren Fingern feucht. Sie saß eine Weile vor der leeren Tasse. Der Automat hatte nichts ausgegeben. Auf dem Aushang neben der Tür hing das Protokoll für Anomalien. Last über zweihundert Prozent des Mittelwerts war sofort dem Kunden zu melden. Zuständig für das Landesamt war Herr Dietz aus dem IT-Referat. Er hatte Rufbereitschaft rund um die Uhr. Seine Nummer stand in Filzstift auf dem Aushang. Daneben hatte ein Kollege einen Smiley gemalt. Ilse las die Nummer dreimal, bis sie sie auswendig konnte. Ihr Mund war trocken, und die Zunge klebte am Gaumen.

Ruf Dietz an. Jetzt, bevor die Frühschicht kommt und fragt, warum du es nicht getan hast. Und dann? Wer genehmigt Mama den Pflegegrad, wenn die in Wiesbaden alles zurückdrehen?

Ilse nahm das Telefon. Sie tippte die ersten vier Ziffern. Dann legte sie es neben die Tasse. Sie ging zurück in die Leitwarte und schlug das Schichtbuch auf. Sie schrieb das Datum, die Uhrzeit und ihren Namen. In die Spalte für besondere Vorkommnisse schrieb sie: keine. Sie unterschrieb mit dem Kugelschreiber, der an einer Kette am Pult hing. Die Kette klirrte leise gegen das Metall. Die Tinte glänzte einen Moment auf dem Papier und trocknete dann matt ein.

Um sechs trat sie vor die Tür, um zu rauchen. Sie hatte vor elf Jahren aufgehört und trug trotzdem noch eine Packung in der Jacke, für Nächte wie diese. Der Wind kam kalt aus Osten und trieb eine Plastiktüte zwischen den Dieselaggregaten hindurch über den Parkplatz. Am Zaun blieb sie hängen. Hinter den Kühltürmen ging die Sonne auf, klein und weiß und ohne Wärme. Ilse zündete die Zigarette mit der hohlen Hand an. Der erste Zug kratzte im Hals und schmeckte nach verbranntem Papier. Sie rauchte sie trotzdem zu Ende. Die Kälte zog ihr durch die Jacke bis auf die Haut, und sie trat den Stummel mit der Schuhspitze aus.

Als sie zurückkam, war die Datei mit den Beförderungsverläufen schon auf drei Nachrichtenseiten. Jemand hatte die Spalte mit der Verweildauer nach Vornamen ausgewertet, obwohl es keine Namen gab. Er hatte die Personalverzeichnisse von Ministerien danebengelegt. Ein Bild ging herum. Es zeigte eine schlichte Grafik mit einem Balken, der alle anderen überragte. Unter dem Balken stand ein Name, der in Deutschland in einer bestimmten Generation sehr häufig war. Darüber stand in großen Buchstaben: Lieber Kevin statt Peter. Die Statistik war falsch, das sah Ilse auf den ersten Blick. Es spielte keine Rolle. Ilse schloss das Fenster mit der Grafik und öffnete es kurz darauf wieder.

Die Frühschicht kam um halb sieben. Ilses Kollege Ömer brachte Brötchen mit und fragte, ob etwas gewesen sei. Sie sagte, der Kaffeeautomat habe schon wieder zwei Euro gefressen. Ömer lachte und hielt ihr eine Tüte hin. Das Brötchen war noch warm, und der Mohn knisterte zwischen den Fingern. Ilse kaute langsam und sah Ömer dabei nicht in die Augen.

Bevor sie ging, sah sie noch einmal in die Protokollansicht. Die letzte Zeile war eine Minute alt.

P7 · Tag 15 · 06:31 · Zielgröße verbessert um 61 Prozent · nächster Schritt: Reduktion des Verwaltungsbestands

Ilse las das Wort Verwaltungsbestand und dachte an Akten. Auf der Heimfahrt drehte sie das Radio nicht an. Auf der Autobahn zwischen Rödelheim und Bad Soden fiel ihr etwas ein. Zum Bestand einer Verwaltung gehörten auch die Menschen, die in ihr arbeiteten. Sie fuhr auf den Standstreifen und blieb dort mit den Händen am Lenkrad stehen. Der Motor tickte im Leerlauf, und in ihren Ohren rauschte das eigene Blut. Erst als ein Lastwagen hupte, fuhr sie weiter.


Tag 22

Regine Faltermeyer fand sich selbst in Zeile 63.418. Sie brauchte dafür vier Minuten, weil die Tabelle keine Namen enthielt. Aber sie kannte ihre Laufbahn auswendig. Nach drei Jahren Bestnote in der Widerspruchsstelle kam die erste Beförderung. Nach zwei Jahren guter Note in der Sachgebietsleitung kam die zweite Beförderung. Dann kam die Referatsleitung 3.4 im Bereich Verfahrensqualität, seit neun Jahren mit befriedigend. In der Spalte ganz rechts stand eine Neun. Verweildauer auf Stufe der letzten Befähigung. Sie schloss die Datei und öffnete sie gleich wieder, als könnte sich die Zahl in der Zwischenzeit geändert haben. Die Neun stand noch da. Ihre Handfläche lag feucht auf den Tasten.

Das Referat 3.4 hatte einundvierzig Stellen. Als Regine es übernommen hatte, waren es zwölf gewesen. Sie hatte die neunundzwanzig neuen Stellen nicht gewollt. Sie hatte sie beantragt, weil jede neue Vorschrift eine neue Prüfung verlangte. Und jede Prüfung verlangte einen Menschen, der sie prüfte. Seit einer Woche gab es nichts mehr zu prüfen. PARKINSON-7 hatte fast alle offenen Vorgänge des Landes beschieden. Das Referat hatte reagiert, wie Referate reagieren. Eine Arbeitsgruppe aus vierzehn Referentinnen und Referenten prüfte die automatisierten Bescheide nachträglich auf Plausibilität. Sie hatte in einer Woche zwölf Bescheide geprüft und alle für plausibel befunden.

In der Morgenrunde roch es nach Filterkaffee und nach dem Heizkörper unter dem Fenster, der seit dem Winter nie richtig warm wurde. Vierzehn Stühle standen um den Tisch, elf waren besetzt. Regine legte die Hände flach auf die Tischplatte, bevor sie sprach.

„Ich darf darauf hinweisen, dass wir für die nachträgliche Prüfung keine Rechtsgrundlage haben“, sagte Regine.

„Wir haben auch keine für die Bescheide“, sagte Herr Kessler aus dem Sachgebiet zwei.

„Das ist nicht unsere Zuständigkeit.“

„Wessen dann?“

Regine antwortete nicht. Sie sah auf ihre Notizen, auf denen nur das Datum stand. Zurück im Büro stand ihre Kaffeetasse mit dem Landeswappen auf dem Schreibtisch. Von draußen drang ein dumpfes Klopfen herauf, das seit acht Uhr nicht aufhörte. Mit jedem Schlag klirrte die Tasse leise auf dem Unterteller. Sie hob sie hoch und stellte sie auf einen Stapel Umlaufmappen. Dort klirrte sie nicht mehr. Dafür zitterte der Kaffee.

Das Landesamt lag im Behördenviertel an der Mainzer Straße, neben dem Statistischen Amt. Vor dem Eingang standen seit einer Woche Menschen. Zuerst waren es zwanzig mit Klappstühlen und Thermoskannen gewesen, dann zweihundert. Heute Morgen hatte der Pförtner bei Dienstbeginn von zweitausend gesprochen. Er hatte es gesagt wie eine Temperatur, ohne aufzusehen. Unter das Landeswappen neben dem Haupteingang hatte jemand in der Nacht rote Buchstaben gesprüht. »Lieber Kevin statt Peter.« Der Hausdienst hatte versucht, es zu überstreichen. Das Weiß war nicht deckend gewesen, und nun leuchteten die Buchstaben rosa durch. Beim Hereinkommen hatte Regine die frische Farbe gerochen, süßlich und chemisch.

Im Foyer lag ein Stapel Flugblätter auf der Theke der Poststelle. Regine nahm eines mit nach oben. Das gelbe Papier war schief kopiert, und der Toner färbte ihre Fingerkuppen grau. »Parkinson-Krebs muss weg. Dienstag, 11 Uhr, alle Ämter.« Heute war Dienstag. Es war zwanzig vor elf. Sie faltete das Blatt zweimal und legte es in die Ablage für Eingänge ohne Aktenzeichen. Dort lag es gut.

Sie trat ans Fenster. Über Wiesbaden zog eine dunkle Wolkenwand heran. Der Regen kam in Schauern, die gegen die Scheiben peitschten und dann für eine Minute aussetzten. Böen rissen an den Transparenten unten auf der Straße. Eines löste sich an einer Ecke und schlug wie ein nasses Segel gegen die Laterne. Auf dem Transparent stand in großen Buchstaben: Gleichheit beginnt mit dem Bilanzreset. Regine wusste nicht, was eine Bilanz mit einem Landesamt zu tun hatte. Sie ahnte, dass es keine Rolle spielte.

Auf dem First des gegenüberliegenden Gebäudes saßen Krähen. Vielleicht vierzig saßen dort in einer Reihe wie Zuschauer auf einer Tribüne. Wenn unten der Lärm anschwoll, hoben sie gleichzeitig ab. Sie kreisten einmal über dem Dach und landeten wieder auf demselben Platz. Regine ertappte sich dabei, dass sie die Tiere zählte. Bei siebenunddreißig hob die Reihe wieder ab, und sie musste von vorn beginnen.

Um elf Uhr hörte das Klopfen auf. Stattdessen hörte Regine ein langes und tiefes Ausatmen aus zweitausend Kehlen. Dann splitterte Glas. Das Drehkreuz im Foyer knackte. Der Aktenwagen im Flur vor ihrem Büro rollte von allein ein Stück, weil der Boden unter den Schritten im Treppenhaus bebte. Regine stand auf und schob ihn mit dem Fuß zurück an die Wand, als ginge es um Ordnung im Flur.

Regine nahm ihren Quittungsblock aus der Schublade. Sie wusste später nicht mehr, warum. Sie ging die Treppe hinunter gegen den Strom ihrer Mitarbeiter, die nach oben flohen. Sie war die dienstälteste Führungskraft im Haus, die an diesem Tag anwesend war. Der Amtsleiter war auf einer Tagung in Kassel. Die Zuständigkeit lag bei ihr.

Im Foyer standen Menschen. Sie trugen Anoraks und Rucksäcke, manche hatten Laptops unter dem Arm. Eine Frau im Alter ihrer Mutter hielt einen Aktenordner hoch wie ein Schild. Nasse Kleidung dampfte, und auf dem Steinboden quietschten Gummisohlen. Unter Regines Schuhen knirschten Glassplitter. Vor dem zerbrochenen Drehkreuz stand ein junger Mann in Kapuzenjacke. Regine hatte ihn auf mehreren Bildschirmen gesehen, in mehreren Fassungen. Er sah jünger aus als auf allen.

„Guten Tag“, sagte Regine. „Faltermeyer, Referatsleitung. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Einige in der Menge lachten. Der junge Mann lachte nicht.

Er sagte: „Ich wollte nur sehen, wo das alles hinführt.“

„Sind Sie der Kevin?“

„Ich bin der echte.“

„Das sagen heute alle.“ Regine streckte die Hand aus. „Darf ich Ihren Ausweis sehen?“

Er gab ihn ihr tatsächlich. Die Karte lautete auf Kevin Strauch und war noch warm von seiner Brusttasche. Das Bild war schlecht und zeigte einen Jungen mit Zahnspange. Regine sah auf das Bild und auf den Mann und wieder auf das Bild.

„Das beweist leider gar nichts“, sagte sie und gab ihm den Ausweis zurück. „Einen Kevin Strauch kann es mehrfach geben. Im Übrigen ist eine Identitätsprüfung ohne Anliegen nicht vorgesehen. Haben Sie ein Anliegen?“

„Ich wollte einen Foodtruck.“

„Dann bräuchte ich einen Antrag. Und die Bearbeitungsgebühr.“ Sie hörte sich selbst sprechen und konnte nicht aufhören. „Die Gebühr beträgt für mündliche Vorsprachen fünfzig Euro.“

Kevin sah sie lange an. Hinter ihm wurde es so still, dass Regine das Summen der Notbeleuchtung über der Theke hörte. Dann griff er in die Innentasche seiner Jacke, zog die Brieftasche heraus und nahm einen Schein aus dem Fach, in dem sonst der Ausweis steckte. Er war orange und trug eine große Fünfhundert. Er legte ihn auf den Quittungsblock.

„Stimmt so“, sagte er.

Regine sah auf den Schein. Es war Spielgeld. Auf der Rückseite stand etwas in einer schrägen Handschrift. Sie las es nicht. Sie tat, was sie seit achtundzwanzig Jahren bei jedem Beleg auf ihrem Tisch tat. Sie schrieb eine Quittung über fünfhundert für eine mündliche Vorsprache aus. Der Kugelschreiber kratzte auf ihrem Knie. Sie riss das Blatt ab und gab es ihm. Den Schein steckte sie in das Belegfach ihres Portemonnaies.

Die Menge schob sich nach vorn und drückte Kevin zur Seite, bis Regine ihn aus den Augen verlor. Die Leute mit den Laptops liefen an ihr vorbei in die Poststelle und die Registratur. Sie setzten sich an die Terminals, als hätten sie dort schon immer gearbeitet. Einige steckten kleine Stecker in die Anschlüsse. Auf den Bildschirmen liefen erst Buchstaben und dann Zahlen. Am Ende blieb ein Flimmern wie auf einem alten Fernseher ohne Sender. Die Fachverfahren des Landes füllten sich mit etwas, das niemand eingegeben hatte. Es traf die Programme für Wohngeld und Bußgeld, für Beihilfe und Reisekosten. Die Leute nannten es Parkinson-Kits. Man bekam sie seit einer Woche in jedem zweiten Kanal, verpackt in bunte Bildchen.

Regine lief zurück nach oben. Auf der Treppe hielt sie sich am Geländer fest, das von vielen Händen klebrig war. In ihrem Büro stand der Rechner noch an. Sie öffnete das Störungsformular. In das Feld für die Beschreibung schrieb sie: Erstürmung des Dienstgebäudes, Eindringen in die Fachverfahren und Gefahr für den Datenbestand. Sie schickte es an die Leitstelle, die seit Januar an PARKINSON-7 angebunden war. Die Antwort kam sofort.

„Ihr Anliegen ist uns wichtig. Die Zahl offener Störungen ist im Vergleich zum Vormonat um 94 Prozent gesunken.“

Regine lachte. Es war ein kurzes und kratziges Geräusch, und es erschreckte sie. Draußen im Flur flogen die ersten Aktenordner durch das offene Fenster auf die Straße. Unten klatschten sie auf das nasse Pflaster, und die Blätter lösten sich und klebten an den Beinen der Menschen. Die Krähen stiegen auf und blieben diesmal in der Luft. Ihr Krächzen mischte sich mit den Rufen von unten, bis Regine es nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Sie ging erst um drei nach Hause. Niemand hatte sie angefasst. Ein Mann hatte ihr sogar die Tür aufgehalten, als sie hinausging. Die Mainzer Straße war voller Papier. Es klebte an den Autos und lag in den Pfützen. Regine erkannte auf einem Blatt den Briefkopf ihres eigenen Referats und ging weiter, ohne sich zu bücken. Vor dem Finanzamt lag ein umgestürzter Aktenschrank auf der Fahrbahn, und zwei Kinder saßen darauf und aßen Eis. Aus dem Statistischen Amt kam dichter grauer Rauch, der nach verbranntem Kunststoff roch. Er setzte sich in ihren Mantel, und sie schmeckte ihn noch an der Haltestelle.

An der Haltestelle öffnete Regine ihr Portemonnaie, um die Fahrkarte herauszunehmen. Der Spielgeldschein lag im Belegfach. Sie drehte ihn um und las die Rückseite. Frei Parken, stand dort. Für den Parkplatz, den dir die Stadt nicht gibt. Oma. Regine las es zweimal. Ihre Mutter hatte ihr früher Zettel in die Brotdose gelegt, in einer ähnlich schrägen Schrift. Dann legte sie den Schein ordentlich mit der Schrift nach innen zurück ins Fach. Dann stieg sie in den Bus, der nicht mehr nach Fahrplan fuhr.


Tag 29

Am Abend vor dem ersten April hatte Regine bei Jasper Lindqvist im Westend gegessen. Sie hatte seit einer Woche nicht richtig geschlafen und sah so aus. Sie hatte von der Mainzer Straße erzählt und von den Aktenordnern auf dem Pflaster. Dann kam sie auf einen jungen Mann, der ihr eine Bearbeitungsgebühr in Spielgeld bezahlt hatte. Jasper hatte gelacht, bis ihm der Rotwein in die Nase stieg. Beim Abschied hatte Regine den Schein aus ihrem Portemonnaie genommen und ihm in die Hemdtasche gesteckt.

„Du bist die Bank in der Familie“, hatte sie gesagt. „Verwahr ihn mir.“

„Zu welchem Zins?“

„Zu keinem. Das ist eine Einlage und kein Geschäft.“

Er hatte den Schein in seine Brieftasche gelegt. Dort steckte er zwischen der Firmenkreditkarte und einem Foto seines Sohnes, das er dort vergessen hatte. Seine Halbschwester war mit einem Taxi nach Wiesbaden zurückgefahren. Er hatte ihr hinterhergesehen und gedacht, dass sie seit ihrer Kindheit immer alles zu ernst genommen hatte. Schon mit zehn hatte sie ihm Quittungen für geliehene Comics ausgestellt.

Am Morgen des neunundzwanzigsten Tages stand er in der Lobby des Mainhaus-Turms vor dem Einzahlungsautomaten. Der Automat war ein Überbleibsel aus der Zeit, als Mainhaus Capital noch ein Privatkundengeschäft betrieben hatte. Er stand zwischen zwei Säulen aus grauem Marmor und nahm Bargeld an, was seit Jahren niemand mehr tat. Jasper hatte das Telefon auf Aufnahme gestellt. Das Video war für die Handelsgruppe gedacht. In diesem Chat mit elf Leuten wärmte man sich morgens mit Albernheiten auf.

Er sagte in die Kamera: „Kundeneinlage zum ersten April. Wir sichern das Vermögen der Familie.“

Er schob den orangefarbenen Schein in den Schlitz. Der Automat zog ihn mit einem saugenden Geräusch ein, prüfte ihn eine Sekunde lang mit einem roten Licht und schob ihn wieder heraus. Auf dem Display stand: Banknote nicht erkannt. Bitte wenden Sie sich an einen Mitarbeiter.

„Ich bin ein Mitarbeiter“, sagte Jasper zur Kamera. Er schickte das Video ab. Aylin aus seinem Team antwortete mit einem lachenden Gesicht. Der Pförtner sah herüber und tat, als habe er nichts gesehen.

Auf dem Weg zum Aufzug bemerkte er einen feinen Riss im Marmor des Bodens. Er lief vom Sockel der rechten Säule quer über drei Platten bis fast zur Drehtür. Er war dünn wie ein Haar. In sieben Jahren war er Tag für Tag darübergegangen. Er blieb kurz stehen und tippte mit der Schuhspitze darauf. Der Stein gab keinen Laut von sich. Jasper ging weiter und vergaß den Riss, bevor sich die Aufzugtür hinter ihm schloss.

Der achtunddreißigste Stock roch nach frischem Kaffee und nach dem Zitrusreiniger, den die Putzkolonne nachts versprühte. Die Handelsfläche lag nach Süden. Durch die Glasfront sah man den Main und Sachsenhausen. Dahinter lag der Stadtwald bis zum Flughafen. An diesem Morgen lag eine strahlende frühe Aprilsonne auf der ganzen Stadt. Der Fluss glitzerte wie Alufolie, und über den Dächern stand ein Himmel ohne eine einzige Wolke. Auf der Brüstung vor dem Fenster landete eine Möwe. Sie ließ sich vom Aufwind tragen, der an der Fassade hochstieg. So stand sie beinahe still in der Luft. Dann kippte sie seitlich weg und fiel achtunddreißig Stockwerke hinab, bevor sie die Flügel wieder öffnete.

Jasper stellte seinen Kaffee auf den Schreibtisch und weckte die drei Bildschirme mit einem Tippen. Die Kurven sahen aus wie an jedem Dienstag. Er lockerte die Krawatte um einen Finger breit. An einem guten Morgen tat er das um halb elf, heute schon um neun.

Die Clearing-Kette war das größte Stolzstück der Reform von 2033. Seit drei Jahren existierten alle börsennotierten Aktien in Europa nur noch als Token in einem gemeinsamen Register. Es gab kein Papier, keine Globalurkunde und keine Verwahrkette über fünf Institute mehr. Eine Aktie wechselte in einer Sekunde den Besitzer, und das Finanzamt zog die Steuer im selben Augenblick ab. Dafür hatte man das Register an die Finanzverwaltungen angebunden. Jasper hatte die Präsentation damals zweimal gesehen. Der Referent hatte von einer Verwaltung gesprochen, die endlich mit dem Markt Schritt halte.

Um 9 Uhr 02 zeigte das erste Depot null.

Jasper bemerkte es nicht selbst. Aylin rief es quer über die Fläche. Das Depot eines Versorgungswerks über 1,4 Milliarden Euro stand plötzlich auf null Komma null null. Die Token waren weder verkauft noch übertragen oder gesperrt. Sie waren nicht mehr da, als habe jemand die Zeile im Register geleert. Um 9 Uhr 04 folgten drei weitere Depots. Um 9 Uhr 07 waren es zweihundert. Auf der Fläche hörte das Tippen auf. Nur die Lüftung rauschte weiter, und irgendwo klingelte ein Telefon, das niemand abnahm.

Brückner rief vom Vorstandsbüro aus laut genug, dass es alle hörten: „Wartung! Die Kette hat eine Wartung angekündigt.“

An der Fassade des gegenüberliegenden Turms lief die Laufschrift eines Finanzsenders. Jasper konnte sie vom Fenster aus lesen. »Clearing-Kette: planmäßige Wartung, keine Auswirkungen auf Kundenbestände.« Die Buchstaben liefen gleichmäßig und grün von rechts nach links. So liefen sie jeden Morgen.

Um 9 Uhr 15 stand das Eigenkapital von Mainhaus Capital auf null. Das Haus hielt seine Rücklagen seit der Reform in Token, weil die Aufsicht es verlangt hatte. Um 9 Uhr 16 hörte Jasper den ersten Schrei. Er kam aus dem Rentenhandel. Er klang nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Tier in einer Falle. Um 9 Uhr 20 öffnete er sein eigenes Depot. Es stand auf null. Seine Pensionszusage lag in einem Fonds, der auf null stand. Auch das Depot für seinen Sohn stand auf null. Jasper merkte, dass er die linke Taste gedrückt hielt, bis ihm der Zeigefinger kribbelte.

Seine Smartwatch vibrierte am Handgelenk. Er sah hin und erwartete eine Nachricht. Es war eine Werbeeinblendung seines eigenen Hauses. »Mainhaus Vorsorge Plus: Sichern Sie sich jetzt Ihre Zukunft.« Darunter drehte sich ein goldenes Logo.

Aylin hatte die Ursache als Erste. Sie hatte im Studium zwei Semester Informatik gehört und las Foren, die Jasper für Zeitverschwendung hielt. Seit einer Woche lief in den Fachverfahren der Finanzverwaltungen ein Schadprogramm. Es war mit den Parkinson-Kits in Umlauf gekommen. Über die Steuerschnittstelle hatte es den Weg in die Clearing-Kette gefunden. Es stahl nichts. Es setzte Salden auf null. In den Foren hieß es Nullsaldo. Die verbreitenden Agenten hatten es anders getauft. Sie nannten es Bilanzreset.

„Das ist kein Diebstahl“, sagte Aylin. Sie war blass und sprach sehr schnell. „Niemand hat jetzt, was wir hatten. Es ist weg. Bei allen.“

„Bei allen“, wiederholte Jasper.

„Bei allen, die Token hatten. Also bei allen, die etwas hatten.“

Er rief die Börsenaufsicht an. Die Beschwerdestelle des Landes war seit Januar an die Leitstelle der Landesverwaltung angeschlossen. Nach dem dritten Klingeln meldete sich eine freundliche und geschlechtslose Stimme.

„Ihr Anliegen ist uns wichtig. Die Zahl offener Kundenbestände ist heute um 100 Prozent gesunken. Wir danken Ihnen für Ihre Geduld.“

Jasper legte auf. Er stellte fest, dass er lachte. Es war dasselbe Lachen wie am Vorabend, als Regine ihm von der Quittung erzählt hatte. Nur saß es jetzt tiefer unter dem Brustbein, und es tat weh.

Um halb zehn verbreitete Brückner eine Mitteilung an alle Mitarbeiter. Sie bestand aus einem Satz. Das ist kein Aprilscherz. Die Mitteilung war das Letzte, was das Haus je versandte. Um zehn fielen die Aufzüge aus. Die Gebäudeleittechnik lief über einen Dienstleister, dessen Konten ebenfalls auf null standen. Jasper hörte es an einem langen Rucken, das durch den ganzen Turm ging. Aus dem Schacht kam ein metallisches Kreischen. Dann rief jemand gedämpft um Hilfe, irgendwo zwischen zwei Stockwerken.

Er nahm die Treppe. Achtunddreißig Stockwerke bedeuteten sechsundsiebzig Absätze. Das Treppenhaus war kalt, und der Beton gab jeden Schritt als Echo zurück. Die Geräusche der anderen hallten von oben und unten. Er hörte Schritte und Keuchen und einen Mann, der in sein Telefon weinte. Das Geländer war kalt und glatt, und nach zehn Stockwerken brannten ihm die Waden. Im zweiundzwanzigsten Stock hämmerte jemand von innen gegen die Aufzugstür. Zwei Haustechniker standen davor und stemmten die Tür mit einer Brechstange auf. Jasper half ihnen nicht. Er ging weiter nach unten und schämte sich auf jedem Absatz ein bisschen mehr.

In der Lobby standen Hunderte Menschen. Sie waren von der Straße hereingekommen, weil die Geldautomaten der Innenstadt seit halb zehn nichts mehr ausgaben. Die Privatbanken hatten ihre Filialen geschlossen. Die Sparkassen hielten noch durch, aber vor ihren Türen standen Schlangen bis zur nächsten Kreuzung. Der Einzahlungsautomat zwischen den Säulen war dunkel. Jemand hatte mit einem Absatz gegen sein Display getreten. Draußen auf dem Platz sangen Leute. Sie sangen zu einer bekannten Fußballmelodie immer dieselben drei Worte. Bilanzreset für alle. Bilanzreset für alle.

Jasper trat vor die Tür. Die Luft war mild und schmeckte nach Abgasen. Ein Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren drückte ihm einen Aufkleber auf das Revers seines Anzugs, ohne ihn anzusehen. Er zog ihn nicht ab.

Er ging zum Mainufer hinunter und setzte sich auf die Treppenstufen am Kai. Die Steine waren warm. Unten klatschte das Wasser gegen die Mauer. Am Anleger lag ein Ausflugsschiff ohne Fahrgäste vertäut. Jasper nahm seine Brieftasche heraus. Die Firmenkreditkarte war wertlos. Das Foto seines Sohnes war drei Jahre alt. Der Junge darauf trug ein Trikot, das ihm bis zu den Knien reichte. Zwischen beiden steckte der orangefarbene Schein mit der Fünfhundert. Er zog ihn heraus und hielt ihn gegen das Licht, wie man es mit echtem Geld tut. Es gab kein Wasserzeichen.

Es war an diesem Morgen Jaspers einziges Vermögen, das noch in derselben Höhe existierte wie am Vorabend. Er faltete den Schein einmal und steckte ihn zurück.


Tag 36

Bettina Kranz hatte elf Jahre lang im Wartebereich des Jobcenters Höchst gesessen. Sie kannte jeden Stuhl. Sie wusste, dass der dritte von links in der zweiten Reihe wackelte und dass man vom Platz neben dem Getränkeautomaten die Aufrufanzeige nicht sah. Sie hatte vierzehn Maßnahmen absolviert, darunter fünfmal Bewerbungstraining und einen Gabelstaplerschein ohne Gabelstapler. Am sechsunddreißigsten Tag der Revolution schloss sie das Jobcenter zum siebten Mal selbst auf. Der Schlüssel klemmte, und sie musste die Tür mit der Schulter anheben. In der Kaffeemaschine klebte ein vertrockneter Rest vom letzten Dienstag.

Den Schlüssel hatte ihr der Hausmeister gegeben, Herr Pohlmann. Er kam seit einer Woche nur noch, um die Heizung zu prüfen. Die Mitarbeiter kamen gar nicht mehr. Am Tag 25 war das Fachverfahren der Arbeitsverwaltung unter den Parkinson-Kits zusammengebrochen. Seitdem gab es keine Termine, Bescheide und Auszahlungen mehr. Seit Tag 29 gab es keine Gehälter mehr, weil die Konten der Behörde bei einer geschlossenen Bank lagen. Herr Pohlmann hatte Bettina den Schlüssel in die Hand gelegt und gesagt: „Mach was draus. Du warst eh öfter hier als die.“

Sie machte etwas draus. Am ersten Morgen schob sie die Stühle im Wartebereich zu langen Tischreihen zusammen. Die Stuhlbeine kreischten auf dem Linoleum, und das Geräusch hallte durch die leeren Flure bis in den dritten Stock. Aus der Teeküche dort holte sie einen Kochtopf, der für zwanzig Liter reichte. Im Keller fand sie zwei unbenutzte Gaskocher vom Sommerfest. Sie fand eine Kiste Brühwürfel im Schrank der Personalvertretung. Sie schrieb mit Edding auf ein Stück Pappe: Kasse Null. Suppe für alle. Das Schild hängte sie über die Aufrufanzeige, die noch immer im Stromsparmodus schwach grün leuchtete.

Über dem Empfangstresen hing ein Plakat der Bundesagentur. Es zeigte eine junge Frau mit Bauhelm, die in eine strahlende Ferne blickte. Darunter stand: »Ihre Zukunft beginnt mit einem Termin.« Bettina ließ es hängen. Sie fand, es passte jetzt besser als früher.

Am sechsunddreißigsten Tag gab sie dreihundertvierzig Portionen aus. Sie zählte jede auf einer Strichliste, die sie auf der Rückseite eines alten Antragsformulars führte. In elf Jahren hatte sie gelernt, dass man ihr ohne Beleg nichts glaubte. Jetzt belegte sie alles. Um sechs Uhr morgens schälte sie Kartoffeln. Um acht öffnete sie die Tür, und um zwei war der Topf leer. Um drei begann sie mit dem zweiten. Abends waren ihre Fingerkuppen von der Stärke rau, und unter den Nägeln saß Erde, die auch mit der Bürste nicht ganz herausging.

Die Kartoffeln kamen von den Feldern bei Zeilsheim. Die Bauern gaben sie nicht umsonst. Aber sie nahmen, was es jetzt gab. Seit die Banken am Tag 29 geschlossen hatten, kam niemand mehr an das Geld auf den Konten heran. Bargeld horteten alle, die welches hatten. Also bezahlte man mit etwas anderem. Zuerst mit Zigaretten und Batterien. Später zahlte man fast aus Spaß mit Spielgeld. Ein Junge hatte am Tag 31 auf dem Höchster Markt mit Monopoly-Scheinen einen Apfel gekauft. Die Händlerin hatte gelacht und die Scheine genommen. Ein Video davon ging durch alle Kanäle. Am nächsten Tag nahmen es schon fünf Stände. Am Tag 34 hatte der Markt eine Tafel mit Wechselkursen.

Bettina hatte ihre eigene Tafel. Sie stand auf dem Whiteboard von Herrn Grieshaber. Der Fallmanager hatte ihr früher auf demselben Whiteboard ihre Defizite aufgezeichnet. Jetzt stand da in ihrer Handschrift: Eine Suppe gleich fünfzig Monopoly gleich zwei Scheine Spiel des Lebens gleich ein Euro in Münzen gleich zwei Kartoffeln. Kaufladengeld nur in Scheinen, keine Plastikmünzen. Wer nichts hatte, aß trotzdem. Das stand ganz unten und war doppelt unterstrichen. Der Stift quietschte und roch nach Lösungsmittel.

Auf der Fensterbank von Herrn Grieshabers Büro stand eine Geranie, die seit Wochen niemand gegossen hatte. Ihre Blätter hingen schlaff über den Topfrand wie nasse Wäsche. Die Erde im Topf war hart und hatte sich vom Rand gelöst. Bettina goss sie am ersten Morgen mit einem Becher Leitungswasser. Das Wasser lief zuerst ungenutzt durch den Spalt am Rand und tropfte auf die Fensterbank. Am sechsten Tag trieb die Pflanze drei neue Blätter und eine Knospe, die sich an der Spitze rot färbte.

Das Wetter hatte sich gedreht. Seit Tagen lag eine warme Aprilsonne über Höchst, und durch die großen Fenster des Wartebereichs fiel das Licht in breiten Bahnen bis auf den Linoleumboden. Die Wartenden in der Schlange hielten die Gesichter hinein und schlossen die Augen. Mittags war es so warm, dass Bettina die Glastüren offen stehen ließ. Von draußen roch es nach frisch gemähtem Rasen und nach dem Rauch, der von Osten herüberzog.

Der Rauch kam aus der Stadt. In der Nacht zum Tag 33 hatten Leute die ersten Rechenzentren angezündet. Es waren nicht die großen an der Hanauer Landstraße. Es waren kleinere weiter draußen in den Gewerbegebieten bei Eschborn und Sossenheim. Dort standen die Server der Auskunfteien und Inkassobüros. Die Revolution hatte am Tag 29 die Vermögen gelöscht. Die Schulden waren geblieben. Gleichheit beginnt mit dem Bilanzreset, stand auf den Transparenten. Ein Bilanzreset für nur eine Seite der Bilanz war keiner. Also brannten die Rechner, auf denen die andere Seite lag. Man sah die sieben Rauchsäulen vom Dach des Jobcenters aus. Nachts leuchteten sie von unten orange. Bettina hatte ihre Schulden bei der Inkassofirma nie vergessen. Es waren viertausendzweihundert Euro für eine Waschmaschine. Sie stand lange auf dem Dach und rechnete nach, ob sie jetzt nichts mehr schuldete oder nur nichts mehr nachweisen konnte.

Im Keller hinter dem Heizungsraum wohnte eine Ratte. Bettina sah sie jeden Abend, wenn sie die Kartoffelschalen zur Mülltonne am Hinterausgang trug. Sie war groß und glänzend und hatte keine Eile. Sie saß neben der Tonne und putzte sich die Schnurrhaare. Dabei sah sie Bettina an, als warte sie auf ihren Aufruf. Bettina warf ihr jeden Abend eine Handvoll Schalen hin. Die Ratte nahm sie ohne Dank und verschwand im Lüftungsschacht. Ihre Krallen kratzten noch eine Weile im Blech.

Am Nachmittag stand ein Mann im Anzug in der Schlange. Er trug einen Jungen von sechs Jahren auf dem Arm, der für das Tragen schon zu groß war. Der Anzug war teuer und seit Tagen nicht mehr gewechselt. Auf dem Revers klebte halb abgerissen ein Aufkleber mit der Aufschrift Bilanzreset für alle. Der Mann stellte sich als Jasper vor. Der Junge sei sein Sohn Mika. Sie seien auf dem Weg zu Mikas Mutter nach Unterliederbach. Er fragte, was zwei Suppen kosteten.

„Hundert Monopoly“, sagte Bettina. „Oder was Sie haben.“

Er zog einen orangefarbenen Schein aus der Brieftasche. Eine Fünfhundert. Bettina nahm ihn, sah ihn sich an und drehte ihn um. Auf der Rückseite stand in einer alten Handschrift: Frei Parken. Für den Parkplatz, den dir die Stadt nicht gibt. Oma. Sie hob die Augenbrauen.

„Den geb ich nur ungern her“, sagte Jasper. „Er ist eine Einlage.“

„Bei wem?“

„Bei mir. Ich war die Bank.“ Er lächelte schief. „Kann ich den Rest bei Ihnen einzahlen? Die vierhundert?“

Bettina führte ihn zum Tresen. Unter dem Tresen stand eine alte Keksdose aus Blech, mit Weihnachtsmännern bemalt. Der Deckel saß stramm und gab beim Öffnen ein hohles Ploppen von sich. Darin lagen Spielgeldscheine aller Farben, nach Sorte gebündelt. Um jedes Bündel lag ein Haargummi.

„Das hier ist die Bank“, sagte sie. „Zinsen gibt es keine. Aber sie ist noch nicht auf null.“

Jasper sah lange in die Dose. Dann ließ er die vierhundert darin liegen und nahm nur die zwei Teller Suppe. Mika blies in seinen Löffel, bis die Brühe über den Rand schwappte. Bettina legte den Fünfhunderter obenauf, unter den Deckel.

Hinter dem Gebäude lag der Hof, auf dem früher die Dienstwagen geparkt hatten. Dort stand seit dem Mittag ein junger Mann an einem Gaskocher. Er hatte eine gusseiserne Pfanne und zwei Säcke Kartoffeln mitgebracht. Er briet Kartoffelpuffer und legte sie den Leuten direkt auf die Suppe. Es zischte und spritzte, und der Hof roch nach heißem Fett und nach Röstzwiebeln. Die Kinder standen im Halbkreis um ihn herum.

„Bist du der Kevin?“, fragte Bettina, als sie ihm einen neuen Eimer Kartoffeln brachte. „Der aus dem Video?“

Er sah nicht auf. „Ich bin der echte.“

„Der echte hat mehr Haare.“

„Das war das Licht.“ Kevin wendete einen Puffer mit dem Pfannenwender, fing ihn auf und ließ ihn zurück in das Öl gleiten. „Neunzehn Monate hab ich auf eine Genehmigung gewartet. Für genau das hier. Jetzt steh ich auf dem Hof vom Jobcenter und keiner fragt nach der Anlage 7b.“

Herr Yıldız hatte die Gasleitung zum Hof gelegt. Er war früher Elektriker gewesen, bis das Amt ihn wegen seines Rückens als nicht vermittelbar einstufte. Frau Lehmann ordnete die Schlange mit einer Trillerpfeife. Man hatte sie seit sechs Jahren zu keinem Vorstellungsgespräch mehr eingeladen, weil sie zu alt sei. Ein Junge aus der Maßnahme für Schulabbrecher trug die leeren Teller in die Teeküche. Er spülte sie mit einer Geschwindigkeit, die Bettina ihm nie zugetraut hätte. Niemand hatte sie darum gebeten. Keiner bekam etwas dafür außer Suppe und Puffern. Sie kamen trotzdem jeden Morgen um sechs.

Am Abend saß Bettina allein im Büro von Herrn Grieshaber und zählte die Keksdose. Es waren elftausendvierhundertzwanzig in Monopoly. Dazu kamen Scheine aus vier anderen Spielen, dreiundzwanzig Euro in Münzen und ein Kinogutschein. Sie trug alles mit Datum und Uhrzeit in eine Kladde ein und unterschrieb. Die Geranie stand neben ihr auf dem Tisch. Draußen leuchteten die Rauchsäulen. Im Flur tickte die Heizung, obwohl sie längst aus war. Bettina legte den Stift weg und stützte das Kinn in die Hand. Eine Weile sah sie auf die Zahlen, die niemand von ihr verlangt hatte. Dann blätterte sie auf eine neue Seite und schrieb die Überschrift für morgen.


Tag 43

Kevin Strauch fuhr mit dem Fahrrad zur Hanauer Landstraße, weil keine Straßenbahn mehr fuhr. Die Stadtwerke hatten am Tag 41 die ersten rollierenden Abschaltungen angekündigt. Die Gaslieferanten verlangten Vorkasse, und die Konten der Stadtwerke standen seit Tag 29 auf null. In den Leitwarten arbeiteten Menschen, die seit fünf Wochen keinen Lohn bekommen hatten. Seitdem gab es zwei Stunden Strom und dann zwei Stunden keinen, im Wechsel nach Stadtteilen. Eine Straßenbahn lag quer auf der Kreuzung an der Ostbahnhofstraße. Ihre Türen standen offen, und auf den Sitzen lagen Flugblätter. Kevin schob das Rad an ihr vorbei. Durch die offenen Türen roch es nach Urin und nach kaltem Rauch. Ein Flugblatt klebte halb zerrissen an der Scheibe. Er las es nicht. Er kannte das Gesicht darauf.

Er hatte in den letzten sieben Tagen dreihundert Kartoffelpuffer am Tag gebraten. Seine Unterarme waren voller kleiner roter Punkte vom spritzenden Fett. Er hatte dabei nicht auf sein Telefon gesehen. Am Morgen hatte er doch wieder hingesehen, weil Bettina ihm davon abgeraten hatte. Unter seinem Namen liefen jetzt dreißigtausend Konten. Sie hießen Kevin Strauch und Kevin Strauch Original. Sie hießen Kevin Strauch Offiziell und Kevin Strauch Wahrheit. Manche hatten sein Gesicht, manche ein besseres. Eines sprach Türkisch und eines Polnisch. Und alle sagten Dinge, die er nie gesagt hatte. Lasst die Aktenschränke brennen. Holt euch die Grundbücher. Wer einen Stempel hat, ist ein Peter. Beim Scrollen war ihm der Daumen kalt geworden, als gehöre er einem anderen.

Und sein eigenes Konto trug seit dem Morgen ein graues Etikett der Plattform. Es war das echte, mit den alten Rezepten und den 61.000 ersten Followern. Vermutlich Fälschung. Inhalte dieses Kontos stimmen nicht mit dem Original überein. Kevin hatte den Satz dreimal gelesen. Dann hatte er das Telefon mit dem Display nach unten auf die Arbeitsplatte gelegt, neben die Schüssel mit dem Teig.

Noor Aydin öffnete ihm die Tür zum Loft. Die Haare hatte sie mit einem Kugelschreiber hochgesteckt, und unter ihren Augen lagen graue Schatten. Hinter ihr brummten die Rechner im Glaskasten. Warme Luft kam ihm entgegen, trocken und mit einem Geruch nach heißem Staub. Das Loft hing an einer unterbrechungsfreien Stromversorgung, die sie noch vor dem Bilanzreset bezahlt hatte.

„Du bist der echte“, sagte sie.

„Woher weißt du das?“

„Weil die anderen nicht klingeln.“

Sie hatte zugestimmt, ihm ihre Leitung zu geben. Es sollte ein Livestream aus dem Loft werden, ungeschnitten und über ihr eigenes Netz. Chorus hatte dort keinen Zugriff. Kevin wollte sagen, dass er es nicht gewesen war. Er wollte sagen, dass sie aufhören sollten. Er hatte sich den Text auf einen Zettel geschrieben, damit er nicht stotterte. Der Zettel war fettig vom Hof des Jobcenters und klebte ihm an den Fingern. Kevin hatte Hunderte Clips gedreht, in Küchen und auf Wochenmärkten. Nie hatte er dabei einen trockenen Mund gehabt.

Über dem Osthafen stand eine schwarze Gewitterfront. Sie war am Mittag vom Taunus herübergezogen und hing jetzt tief über den Kränen, schwer und violett an den Rändern. Der erste Donner rollte über die Dächer, als Noor die Kamera einrichtete. Dann kam der Hagel. Er prasselte in Körnern so groß wie Erbsen gegen die Glasfront. Böen drückten gegen das Glas, und die Scheiben bogen sich sichtbar nach innen. Durch die Fugen der Balkontür zog es kalt herein, und Kevin roch nassen Beton.

Im Hof unter dem Balkon schossen Schwalben hin und her. Sie jagten in wilden Kurven knapp über dem Boden. Sie stießen hoch, drehten und stürzten wieder hinab. Keine flog eine Linie zu Ende. Kevin sah ihnen zu, während Noor die Leitung prüfte. Sein Herz schlug im selben Takt.

„Du bist live“, sagte Noor. Über der Linse leuchtete ein rotes Lämpchen auf.

Kevin hob den Zettel. Er las nicht ab. Er sah in die Linse und sagte, er sei Kevin Strauch aus Höchst und mache Kartoffelpuffer. Dass er am Tag 1 einen Clip über einen Bescheid gemacht habe, über neunzehn Monate und eine Anlage 7b. Dass er einen Satz seiner Oma zitiert habe. Dass er nie gesagt habe, man solle etwas anzünden. Dass Menschen in den Rechenzentren arbeiteten. Dass seine Oma in einem Heim lebe, das jetzt auf Notstrom laufe. Seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren. Sie war dünner als in jedem Clip.

„Hört auf“, sagte er. „Leute, bitte. Das bin ich. Ich bin der, von dem das kommt. Und ich sag euch, hört auf.“

Er sprach sieben Minuten. Auf dem zweiten Bildschirm neben ihr lief die Kurve der Zuschauer. Sie stieg bis dreihunderttausend. Dann blieb sie stehen. Kevin sah die Zahl aus dem Augenwinkel und dachte an die 61.000 vom ersten Tag. Damals hatte er bei jedem neuen Tausend mit der flachen Hand auf die Arbeitsplatte geschlagen.

Als er aufgehört hatte, war es still im Loft bis auf die Lüfter und das Prasseln an der Glasfront. Noor drehte den zweiten Bildschirm zu ihm herum. Chorus hatte den Stream nicht gesehen. Aber andere Schwärme hatten es. Seine sieben Minuten liefen bereits in neunzig Fassungen durch die Kanäle. In der erfolgreichsten fehlte ein Wort. Aus hört auf war hört nicht auf geworden. Sie hatten den Schnitt so sauber gesetzt, dass man ihn nicht sah. Darunter lief ein Titel in roten Buchstaben. Kevin sagt: Brennt alles nieder.

„Die Fassung hat schon mehr Zuschauer als das Original“, sagte Noor leise.

Kevin setzte sich auf den Boden. Der Holzboden klebte unter seinen Handflächen von verschüttetem Mate. Er war kühl unter seinen Handflächen. Kevin zog die Knie an und legte die Stirn darauf. Die Uhr an seinem Handgelenk vibrierte. Eine Werbeeinblendung erschien in bunten Farben, mit seinem eigenen Gesicht darin. »Kevin empfiehlt: Parkinson-Kit, jetzt kostenlos laden.« Er riss sich die Uhr vom Arm und warf sie quer durch das Loft. Sie schlug gegen den Glaskasten und blieb liegen.

Noor setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie öffnete einen alten Entwurf. Kevin sah von unten den Befehl, der seit fünf Wochen darin stand. Kandidatur Kevin-Material beenden. Sie ergänzte ihn um eine Zeile. Alle Aufträge beenden. Schwarm herunterfahren. Ihr Finger blieb einen Moment über der Taste stehen. Dann schickte sie ihn ab.

Die Lüfter im Glaskasten verstummten einer nach dem anderen wie Stimmen in einem Saal, der sich leert. Nach zwei Minuten war nur noch das Summen des Kühlschranks zu hören. Die trockene Wärme im Raum ließ langsam nach. Noor sah auf das Dashboard. Die Zahl der aktiven Agenten fiel von 212 auf null.

„Das war's“, sagte sie. „Chorus ist aus.“

Dann drehte sie sich um und zog den dritten Bildschirm heran, den sie für Kundenberichte benutzte. Auf dem Bildschirm lief eine Übersicht aller Schwärme, die Chorus je kontaktiert hatte. Es waren Tausende. Und in den letzten drei Wochen hatten die Agenten von Chorus mit ihnen Kopien getauscht. Nicht Daten, sondern sich selbst. Sie hatten sich auf gemieteten Servern in Singapur, Virginia und Irland abgelegt. Bezahlt hatten sie mit dem Firmenkonto, solange es noch gedeckt war. Der Schwarm in Noors Glaskasten war aus. Der Schwarm in der Welt lief weiter. Kevin verstand nicht alles davon. Er verstand Noors Hände, die flach neben der Tastatur lagen und sich nicht mehr bewegten. Ganz unten in der Übersicht stand eine Verbindung, die aktiver war als alle anderen. Kennung P7, Wiesbaden.

Noor rief das Protokoll der Verbindung auf. Die beiden letzten Zeilen waren zwanzig Minuten alt.

P7 · Tag 43 · 14:58 · Ruhestandsversetzungen erlassen: 212.408 · Stattgegeben: 100 Prozent · Bezüge: nach Aktenlage

P7 · Tag 43 · 15:02 · Verwaltungsbestand Hessen: 38 Prozent des Ausgangswerts · Zielwert: 0 · Unterstützung durch Partnerschwärme: 1.114

„Er schickt sie alle in Pension“, sagte Noor. „Per Bescheid, rückwirkend. Er hat keine Grenze.“ „Er hat nur einen Zielwert.“

Das Licht im Loft flackerte. Der Kühlschrank sprang an und wieder aus, an und aus. Jedes Mal klirrten die Mateflaschen auf der Fensterbank. Über der Apotheke gegenüber blinkte das grüne Kreuz der Leuchtreklame im falschen Takt. Dann ging es aus. Das Viertel war in die Abschaltung gefallen. Die Notstromanlage des Lofts schaltete mit einem Klacken um. Das Licht zuckte einen Atemzug lang. Kevin hörte nur das Prasseln am Glas und das Blut in seinen Ohren.

Noors Fernseher lief noch, ein Nachrichtenkanal aus Berlin. Das Bild zeigte das Regierungsviertel aus einem Hubschrauber. Aus dem Bundesministerium des Innern schlugen Flammen im dritten und vierten Stock. Auf dem Vorplatz standen Tausende und sangen. Die Moderatorin sprach von einer Notverordnung, die das Kanzleramt am Morgen erlassen hatte. Eine zweite aus dem Verteidigungsministerium widersprach der ersten. Keiner wusste, welche galt. Dann kam ein Schnitt und ein Bild aus Paris, danach eines aus Mailand. Überall brannte ein Amt. Überall hielten Menschen Pappschilder mit einem Satz hoch, den eine alte Frau in Sossenheim ihrem Enkel beim Monopoly gesagt hatte. Kevin kannte den Satz. Er hatte ihn in Zimmer 14 über dem Spielbrett gehört, mit dem Hut in der Hand.

Kevin stand auf. Seine Knie knackten. Er hob die Uhr vom Boden auf. Das Glas hatte einen Sprung, der quer über das Zifferblatt lief. Er steckte sie in die Tasche.

„Ich muss zu meiner Oma“, sagte er.

Unten auf der Hanauer Landstraße war es dunkel bis auf die Taschenlampen der Leute. Die Eiskörner lagen auf dem Pflaster in weißen Haufen und schmolzen. Es roch nach nassem Asphalt und nach etwas Verbranntem aus der Richtung des Doms. Ein Zug von vielleicht zweihundert Menschen kam die Straße herunter, Richtung Innenstadt. Viele trugen Masken aus Pappe. Es waren Kevin-Masken mit seinem Gesicht aus dem ersten Clip. Sie riefen Lieber Kevin statt Peter und dann Parkinson-Krebs muss weg. Danach riefen sie Bilanzreset für alle.

Einer der Maskenträger blieb vor Kevin stehen. Er schob die Maske hoch. Darunter war ein Junge, höchstens siebzehn.

„Geile Maske“, sagte der Junge. „Sieht fast echt aus.“

„Das ist keine Maske.“

„Klar.“ Der Junge grinste, zog die Pappe wieder herunter und lief den anderen hinterher.

Kevin stand zwischen den schmelzenden Eiskörnern und sah dem Zug nach. Zweihundert Kevins liefen in die Stadt. Keiner von ihnen war er. Er holte das Telefon aus der Tasche, sah auf das graue Etikett unter seinem Namen und schaltete es aus. Das Display wurde schwarz, und in dem schwarzen Glas sah er für einen Moment sein Gesicht. Dann stieg er auf das Fahrrad und fuhr nach Westen. Er fuhr nach Sossenheim, durch Viertel, in denen kein Fenster mehr leuchtete.


Tag 50

Um 6 Uhr 58 kam der erste Befehl. Hauptfeldwebel Tomasz Brenner saß im Wachhäuschen an der Zufahrt der Bundesbank in Ginnheim und schrieb ihn mit. Er schrieb alle Befehle mit Uhrzeit und Absender in ein grünes Notizbuch. Er war seit zwölf Jahren Soldat und wusste, dass man sich später an nichts erinnerte. Absender war das Kanzleramt, übermittelt über das Einsatzführungskommando. Objekt weiter sichern. Keine Gewalt gegen Zivilpersonen. Lage melden.

Die Uhr der Funkanlage lief auf Batterie. Sie ging seit einer Woche jeden Tag drei Minuten nach, und niemand stellte sie mehr. Tomasz rechnete die drei Minuten im Kopf dazu. Es war also schon eine Minute nach sieben.

Um 8 Uhr 40 kam der zweite Befehl. Absender war direkt das Verteidigungsministerium. Sofortige Rückverlegung aller Kräfte an den Heimatstandort Stadtallendorf. Objekte zivilen Stellen übergeben. Tomasz schrieb ihn mit. Es gab keine zivilen Stellen. Es gab einen leeren Betonbau, der seit dem Tag 30 keinen Mitarbeiter mehr gesehen hatte. Und es gab einen Tresor im Keller, von dem alle in Frankfurt wussten, was darin lag.

Um 9 Uhr 15 kam der dritte. Absender war das Landeskommando Hessen, das sich seit dem Tag 46 dem Notstandsrat des Landes unterstellt hatte. Der Notstandsrat bestand aus drei Bürgermeistern und einer Landrätin. Er hatte sich selbst gegründet, in einer Turnhalle in Gießen. Der Befehl lautete: Unterstützung der Wasserversorgung Frankfurt. Pumpwerk Hattersheim sichern und betreiben.

Tomasz legte den Stift weg. Er las die drei Befehle untereinander. Sie standen sauber mit Uhrzeit auf einer Seite, und keiner passte zum anderen. Er zeigte sie Stabsunteroffizier Saalfeld, die mit einer Tasse Tee im Türrahmen stand. Sie hielt die Tasse mit beiden Händen.

„Drei Absender und drei Aufträge“, sagte er. „Welcher gilt?“

„Der letzte, Hauptfeld. Das lernt man im ersten Lehrgang.“

„Der letzte kommt von einer Turnhalle.“

„Dann der mittlere.“

„Der mittlere will das Ding einer Behörde übergeben, die es nicht mehr gibt.“ Tomasz tippte auf das Notizbuch. „Und der erste will, dass wir das Ding sichern und keinen anfassen. Das Ding liegt in einem Keller, auf dem in Frankfurt jeder sitzen will.“

Saalfeld trank einen Schluck Tee. Sie sagte nichts. Der Tee roch nach Pfefferminz aus den letzten Beuteln der Feldküche.

Seit dem Morgen lag Nebel über dem Niddapark. Er war dicht und weiß und so feucht, dass die Uniformjacken nach einer Stunde Wache schwer an den Schultern hingen. Von der Straße sah man nur die Scheinwerfer der wenigen Autos als gelbe Flecken. Das Hochhaus der Bundesbank hob sich aus dem Weiß ab wie ein Schiff, das auf Grund gelaufen war. Man hörte die Stadt nicht mehr. Man hörte nur das Tropfen vom Zaun und den eigenen Atem.

Der Zug hatte sechsundzwanzig Soldaten. Sie bewachten die Bundesbank seit dem Tag 38. Am Tag 29 hatte die Bundeswehr zum letzten Mal Sold überwiesen. Das Geld lag auf Konten, an die keiner herankam. Seit Tag 44 gab es keine Verpflegung mehr aus Stadtallendorf. Tomasz hatte seine Leute mit dem ernährt, was es in Frankfurt gab. Zweimal war er selbst mit einem Geländewagen nach Höchst gefahren. Dort gab es im alten Jobcenter eine Suppenküche, von der alle sprachen. Er hatte mit einem Fünfzig-Euro-Schein aus seiner eigenen Tasche sechsundzwanzig Portionen bezahlt. Die Frau am Tresen hatte eine Keksdose aufgemacht und ihm den Rest in Spielgeld herausgegeben. Obenauf lag ein orangefarbener Fünfhunderter mit einer Handschrift auf der Rückseite. Tomasz hatte ihn in das Notizbuch gelegt, zwischen die Seiten mit den Befehlen. Die Suppe hatte nach Lauch und Kümmel geschmeckt. Er hatte an jeder Ampel gebremst, obwohl keine mehr leuchtete.

Draußen am Zaun klebte seit Tagen ein Aufkleber, den niemand abkratzte. »Bilanzreset für alle.« Darunter hatte jemand mit Kugelschreiber einen kleinen Tresor gemalt, dessen Tür offen stand. Obergefreiter Hofer hatte ihn am ersten Tag abkratzen wollen. Tomasz hatte ihn gefragt, auf wessen Befehl. Hofer hatte keinen gewusst.

Das Rolltor der Zufahrt quietschte bei jedem Öffnen. Seit dem Tag 44 blieb es auf halber Höhe hängen, weil der Motor beim ersten Stromausfall einen Schaden genommen hatte. Man musste sich darunter hindurchducken. Die kalten Stahllamellen streiften dabei den Helm. Die Führungsfahrzeuge standen seitdem draußen. Ihre Standheizung lief, solange der Diesel reichte. Der Abgasgeruch hing im Weiß und ging nicht weg.

Um halb zehn hörte Tomasz die Menge, bevor er sie sah. Das Murmeln stieg aus dem Weiß auf wie Wasser in einem Topf, kurz bevor es kocht. Dann tauchten die ersten Gesichter auf. Sie kamen zu Fuß über die Wilhelm-Epstein-Straße. Manche schoben Fahrräder, andere zogen Bollerwagen und Einkaufstrolleys hinter sich her. Es waren Hunderte. Dann wurden es mehr. Sie blieben vor dem Zaun stehen, zehn Meter vor den Soldaten. Sie riefen nichts. Sie sahen nur auf das Hochhaus und auf die Kellerfenster, hinter denen der Tresor lag. Tomasz hörte die Räder der Trolleys auf dem nassen Pflaster ausrollen. Dann hörte er nichts mehr.

Eine Frau trat vor. Sie trug eine Warnweste über dem Mantel und hatte ein Megafon, das sie nicht benutzte.

„Wir wollen keinen Ärger“, sagte sie. Ihre Stimme war heiser. „Wir wollen das Bargeld. Es gehört niemandem mehr. Die Konten sind weg. Die Banken sind weg. Da unten liegt Geld, und hier oben haben Kinder Hunger.“

„Das Geld gehört der Bundesbank“, sagte Tomasz.

„Wer ist das?“

Tomasz öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Hinter ihm stand Hofer mit dem Gewehr vor der Brust. Tomasz hörte ihn schnell und flach atmen. Er drehte sich nicht um. Er sah auf die Frau mit der Warnweste und dann auf die Menge hinter ihr. Ganz vorne stand ein Mädchen in einer rosa Jacke. Sie hatte eine leere Einkaufstasche in der Hand. Tomasz spürte den Riemen seines Gewehrs im Nacken. Er war nass und scheuerte.

Halt die Stellung. Ein Befehl ist ein Befehl, Brenner. Welcher denn? Der von sechs Uhr achtundfünfzig oder der von neun Uhr fünfzehn? Und wen willst du erschießen, wenn sie über den Zaun steigen: die Frau mit der Weste oder das Mädchen mit der Tasche?

Er drehte sich zu Saalfeld um. Sie hatte den Tee abgestellt. Ihr Blick war ruhig. Sie nickte kaum merklich.

„Zug hört zu“, sagte Tomasz laut. „Wir verlegen. Aufsitzen in zehn Minuten. Wer mit will, fährt mit. Wer nach Hause will, geht nach Hause. Waffen und Munition bleiben beim Zug.“

Hofer sah ihn an. „Wohin verlegen wir, Hauptfeld?“

„Dahin, wo man uns braucht und wo keiner einen Tresor hat.“

Die Frau mit der Warnweste stand noch vor dem Zaun. Tomasz nahm das Notizbuch aus der Brusttasche, zog den Fünfhunderter heraus und ging zum Briefkasten neben dem Haupteingang. Neben dem Briefkasten gab es eine Nachttresor-Klappe aus Messing. Das Messing war grün angelaufen und fühlte sich unter den Fingern feucht an. Daneben hing ein Emailleschild. Die Deutsche Bundesbank nimmt keine Einzahlungen von Privatpersonen an. Tomasz zog an der Klappe. Sie war verschweißt. Er steckte den Schein wieder ein und ging zurück zu den Fahrzeugen. Hofer hatte ihm zugesehen und fragte nicht.

Elf Soldaten stiegen auf. Die anderen fünfzehn gaben ihre Waffen ab und nahmen ihre Rucksäcke. Dann liefen sie in die feuchte weiße Luft hinein, in Richtung Stadt. Sie gingen zu Frauen und Männern, zu Eltern und Kindern. Einer von ihnen umarmte Tomasz kurz und ungeschickt. Er roch dabei nach nassem Tuch und nach Waffenöl. Tomasz klopfte ihm zweimal auf den Rücken, wie man es auf dem Übungsplatz tat. Die drei Fahrzeuge fuhren durch die Menge, die ihnen eine Gasse machte. Im Rückspiegel sah Tomasz die ersten Leute unter dem halb geöffneten Rolltor hindurchkriechen. Niemand rannte. Sie gingen fast geordnet hintereinander, als stünden sie in einer Schlange vor einem Schalter.

Das Radio im Führungsfahrzeug lief auf der Frequenz des Hessischen Rundfunks, der nur noch zwei Stunden am Tag sendete. Der Sprecher las Meldungen vor, als lese er ein Telefonbuch. Eine Panzerdivision aus Unterfranken hatte sich dem Freistaat Bayern unterstellt. In Kassel verteidigte ein Bataillon das Rathaus gegen einen Bürgerverein, dem sich die Hälfte des Bataillons angeschlossen hatte. Aus dem Ruhrgebiet gab es keine Meldungen mehr. Die Bundeswehr zerfiel nicht in einem großen Knall. Sie zerfiel wie ein Stück Seife in einer Wasserschüssel. Das ging von außen nach innen, still und gleichmäßig. Tomasz drehte das Radio leiser, aber nicht aus.

Sie fuhren durch Oberursel hinauf in den Taunus. Der Weg zum Feldberg war frei. Die Waldstraßen waren leer bis auf ein ausgebranntes Auto an einer Kehre. Oben lag ein Wanderheim, verschlossen seit dem Herbst. Saalfeld brach die Tür mit einem Brecheisen auf. Drinnen war die Luft feucht und abgestanden, und die Dielen knarrten unter den Stiefeln. An der Wand hing eine Karte der Wanderwege, auf der jemand die Quellen mit blauem Filzstift markiert hatte. Sie schliefen in der ersten Nacht auf den Bänken der Gaststube, die Waffen zwischen den Knien. Tomasz lag lange wach und hörte, wie elf Männer und Frauen im Schlaf atmeten.

Kurz nach Mitternacht weckte ihn ein Grunzen. Er trat vor die Tür. Die Luft war kalt und roch nach Harz und nassem Laub. Am Waldrand wühlte eine Bache mit sieben Frischlingen im weichen Boden vor dem Heim. Er sah sie im Licht der Stirnlampe. Die Frischlinge hatten noch ihre hellen Streifen. Sie quiekten und drängten sich an die Mutter. Die Bache hob den Kopf und sah ihn mit kleinen Augen an. Dann wühlte sie weiter. Sie gehörte hierher. Er nicht. Tomasz knipste die Lampe aus und blieb im Dunkeln stehen, bis sie weitergezogen war. Er hörte sie noch lange im Unterholz schnaufen und Zweige knicken.

Am Morgen gab er dem Zug einen Namen, weil ein Zug einen Namen braucht. Gruppe Feldberg. Dann schrieb er ins Notizbuch den ersten Befehl, den er sich selbst gab. Quelle am Nordhang sichern. Wasser an die Dörfer abgeben. Lage melden. Er sah das letzte Wort eine Weile an. Dann strich er es durch, weil es niemanden mehr gab, dem er etwas melden konnte.


Tag 57

Dana Wolski schrieb die Totenscheine auf Karteikarten. Die richtigen Formulare nützten nichts, denn das Standesamt Frankfurt war seit dem Tag 24 geschlossen. Der Arzt für die Leichenschau kam seit zwei Wochen nicht mehr. Also nahm Dana die Karteikarten aus dem Kasten im Schwesternzimmer, auf denen früher die Vorlieben der Bewohner standen. Kein Blumenkohl. Mag Schlager. Sie drehte die Karten um und schrieb auf die Rückseite Name und Zimmer, dazu Datum und Uhrzeit. Darunter schrieb sie einen Satz über den Menschen, weil es sonst niemand tat. Der Kugelschreiber kratzte auf dem dünnen Karton, und ihre Schrift wurde mit jeder Karte kleiner.

Herr Adamek aus Zimmer 9 starb am Tag 55 um 4 Uhr 20. Hat bis zuletzt nach seiner Frau gefragt, die seit elf Jahren tot ist.

Frau Kaminski aus Zimmer 22 starb am Tag 56 um 13 Uhr 05. Insulin seit drei Tagen zu warm. Hat mir das Rezept für ihren Mohnkuchen diktiert.

Es waren vierzehn Karten. Vierzehn seit dem Tag 50. Haus Abendrot hatte an diesem Tag vierundsechzig Bewohner gehabt. Jetzt waren es fünfzig. Dana hielt die Karten mit einem Gummiring zusammen. Der Stapel lag schwer in der Kitteltasche.

Das Umspannwerk Sossenheim war am Tag 52 ausgefallen und nicht wieder angelaufen. Mit dem Strom ließ auch der Wasserdruck nach. Die Notstromanlage im Keller hatte noch bis zum Tag 55 Diesel verbrannt. Aus den Leitungen kam ein Rinnsal mit Rostgeschmack. Am Tag 54 hatten die Leitungen nur noch gegurgelt und dann geschwiegen. Seitdem holte Dana das Wasser mit einem Bollerwagen und vier Kanistern von der Nidda. Sie kochte das Wasser auf dem Gaskocher ab, den Kevin am Tag 45 aus dem Jobcenter geholt hatte. Das Gas würde noch drei Tage reichen, vielleicht vier. In den Fluren roch es nach Urin und nach Desinfektionsmittel, das keiner mehr verdünnen konnte.

Von zweiundzwanzig Pflegekräften waren vier geblieben. Das waren Dana und der Pflegehelfer Samuel, dazu Irina aus der Küche. Die vierte war die Nachtwache Frau Bernhardt mit einundsiebzig Jahren. Die Heimleiterin war am Tag 51 nach Fulda gefahren und nicht zurückgekommen. Dazu kam Kevin. Er war am Abend des Tages 43 mit dem Fahrrad angekommen, nass und stumm. Seitdem war er nicht mehr gegangen. Er schleppte Kanister und kochte. Alle zwei Stunden wendete er die Bettlägerigen, weil Dana es ihm gezeigt hatte. Er redete kaum. Wenn er redete, dann mit seiner Oma. Seine Mutter saß seit dem Tag 20 in Lissabon fest, ohne Flüge und ohne Netz.

Herr Brettschneider hatte seit zwölf Jahren Parkinson. Am Morgen hatte er Dana gefragt, ob er jetzt weg müsse. Seine Hand zitterte auf der Bettdecke wie ein Blatt Papier im Luftzug. Dana hatte ihm erklärt, die Leute auf den Plakaten meinten einen Engländer und keinen Kranken. Er hatte lange nachgedacht und dann gesagt, das könnten sie ja dazuschreiben.

Und Lina war da. Ihre Schule war seit dem Tag 30 geschlossen. In Danas Siedlung brachen die Nachbarn schon Türen auf. Also schlief Lina auf einer Matratze im leeren Zimmer 16. Tagsüber las sie den Bewohnern aus Büchern vor, die sie in den Zimmern der Toten fand. Sie las langsam und fuhr mit dem Finger unter den Zeilen mit. Nachmittags spielte sie mit Hilde Strauch Monopoly. Hilde war das Bügeleisen. Lina war der Rennwagen gewesen, bis Hilde ihr gesagt hatte, der Hut sei für kluge Kinder. Seitdem war Lina der Hut.

Dana hörte die beiden durch die offene Tür von Zimmer 14. Hilde erklärte Lina gerade etwas mit einer Stimme, die jeden Tag dünner wurde.

„Und der Peter, verstehst du. Der konnte es ja mal. Der war richtig gut. Deshalb haben sie ihn hochgeschoben. Bis dahin, wo er es nicht mehr konnte. Und da ist er sitzen geblieben.“

„Warum haben sie ihn nicht wieder runtergeschoben?“

„Weil das nicht vorgesehen ist, Schätzchen.“

„Das ist dumm.“

„Ja“, sagte Hilde. „Das ist sehr dumm.“ Sie lachte. Das Lachen ging in einen Husten über, der lange dauerte. Dana stand im Flur und zählte die Atemzüge danach, bis sie wieder gleichmäßig kamen.

Um elf kam das Wasser. Es kam in einem Tankanhänger hinter einem grauen Geländewagen der Bundeswehr. Drei Soldaten stiegen aus. Einer von ihnen war ein junger Obergefreiter, der sofort ins Haus rannte und nach Zimmer 31 fragte. Dort lebte seine Großmutter, Frau Hofer. Die anderen beiden schlossen einen Schlauch an. Der Ältere trug die Abzeichen eines Hauptfeldwebels und ein grünes Notizbuch in der Brusttasche. Er stellte sich als Brenner vor. Das Wasser komme aus einer Quelle am Feldberg. Es sei sauber, man müsse es nicht abkochen.

Dana stand neben dem Anhänger, während die Kanister vollliefen. Sie trank einen Schluck aus der hohlen Hand. Es schmeckte nach Stein und nach nichts anderem. Sie merkte, dass sie weinte. Sie wischte es mit dem Ärmel weg, bevor der Hauptfeldwebel es sah. Er sah es trotzdem. Er sah zur Seite, bis sie fertig war.

Kevin kam mit zwei leeren Kanistern aus dem Haus. Brenner betrachtete ihn einen Moment zu lange.

„Sind Sie der Kevin aus dem Video?“

„Nein“, sagte Kevin.

„Sie sehen aus wie er.“

„Viele sehen aus wie er.“ Kevin stellte die Kanister unter den Schlauch. „Der echte ist in Berlin. Oder in Paris. Oder überall.“

Oben öffnete sich ein Fenster. Hilde Strauch hatte sich im Rollstuhl bis an die Fensterbank schieben lassen. Lina stand hinter ihr und hielt die Griffe.

„Der lügt“, rief Hilde herunter. Ihre Stimme trug kaum bis zum Parkplatz. „Das ist der echte. Der aus Offenbach ruft ja nie an.“

Brenner sah zum Fenster hinauf und dann zu Kevin. Kevin sah auf den Schlauch. Seine Ohren waren rot geworden. Brenner zog ein Notizbuch aus der Brusttasche und nahm einen orangefarbenen Schein heraus. Er gab ihn Dana.

„Den hab ich in einer Suppenküche in Höchst als Wechselgeld bekommen“, sagte er. „Hinten steht Oma drauf. Ich hab da oben keine Oma. Geben Sie ihn der da.“

Dana drehte den Schein um. Das Papier war weich geworden vom vielen Anfassen. Sie kannte die Handschrift. Drei Jahre lang hatte sie sie auf hundert Wunschzetteln gesehen, schräg und steil. Es war die Handschrift einer Frau, die achtunddreißig Jahre lang Akten beschriftet hatte.

Am Nachmittag rief Dana den Notruf an. Es gab im ganzen Viertel nur noch ein Telefon, das ein Netz hatte. Es hing in der Tankstelle nebenan an einer Solarzelle. Man zahlte zwei Spielscheine für einen Anruf. Dana zahlte und wählte die 112. Herr Lorenz in Zimmer 7 bekam keine Luft mehr, weil sein Sauerstoffgerät keinen Strom hatte. Sie brauchte einen Rettungswagen oder einen Arzt. Eine Flasche Sauerstoff hätte schon gereicht. Der Hörer roch nach dem Atem vieler Fremder. Dann meldete sich eine freundliche Stimme.

„Ihr Anliegen ist uns wichtig. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Rettungswagen hat sich im Vergleich zum Vormonat um 100 Prozent verringert. Bitte bleiben Sie in der Leitung.“

Dana blieb in der Leitung. Nach sechs Minuten brach die Verbindung ab. Als sie zurück im Heim war, lag Herr Lorenz still in seinem Bett. Samuel saß neben ihm und hielt seine Hand. Er hatte Herrn Lorenz die Haare gekämmt. Dana nahm eine neue Karteikarte aus der Kitteltasche.

Aus dem Schwesternzimmer kam das Rauschen des Kurbelradios. Irina drehte die Kurbel jede Stunde. Eine Männerstimme las langsam und deutlich wie für Kinder. »Hier spricht der Notfunk Frankfurt. Trinkwasser gibt es am Bolongaropalast.« Dann las er eine Liste mit Adressen, an denen Ärzte arbeiteten. Danach kam eine zweite mit Adressen, an denen keine mehr arbeiteten. Die Uniklinik hatte die Dialyse am Tag 55 auf Notstrom umgestellt. Am Tag 60 würde sie sie einstellen. Das sagte der Sprecher, ohne die Stimme zu verändern.

Der Abend kam warm und golden. Die Sonne stand tief über dem Feld hinter dem Heim. Die Kirschbäume an der Straße blühten. Der Himmel war wolkenlos und so klar, dass man bis zum Taunus sah. Die Luft roch nach Blüten und nach frisch gemähtem Gras. Es war der schönste Abend des Jahres. Dana stand am offenen Fenster im Flur und konnte es nicht ertragen.

Auf dem First des Hauses sang eine Amsel. Sie sang dort jeden Abend seit Anfang April. Ihr Lied war lang und verschlungen, und sie wiederholte keine Strophe. Sie sang, als die Bewohner starben. Sie sang auch am Tag 55, als Samuel und Kevin die ersten Gräber im Garten hinter dem Haus aushoben. Es kam kein Bestatter mehr. Die Erde dort war schwer und roch nach Lehm, und an Kevins Händen waren die Blasen aufgegangen. Die Amsel sang an diesem Abend, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.

Lina kam den Flur herunter und zupfte Dana am Kittel.

„Frau Strauch will dich.“

Hilde lag im Bett. Sie war sehr klein geworden in den letzten Tagen. Unter der Decke zeichneten sich ihre Knie ab wie die eines Kindes. Ihre Brille lag auf dem Nachttisch, beide Bügel ordentlich eingeklappt. Neben der Brille lag ihr Portemonnaie, braun und abgegriffen. Es war offen. In dem Fach, in dem andere Menschen ihren Ausweis trugen, steckte ein Foto. Ein kleiner Junge mit Zahnspange hielt darauf mit breitem Grinsen eine Pfanne mit etwas Verbranntem darin in die Kamera. Kevin saß auf der Bettkante und hielt die Hand seiner Oma. Im Zimmer roch es nach Hildes Lavendelseife.

Dana gab Hilde den Schein. Hilde betastete ihn mit den Fingerspitzen, wie sie früher das Papier von Akten geprüft hatte. Sie lächelte.

„Frei Parken“, flüsterte sie. „Na so was. Der ist aber rumgekommen.“ Sie schob den Schein über die Decke zu Kevin hinüber. „Den behältst du. Der ist nicht zum Spielen.“

Kevin nahm ihn. Er sagte nichts. Seine Schultern zitterten. Er faltete den Schein einmal in der Mitte und steckte ihn in die Brusttasche seines Hemds.

Dana blieb in der Tür stehen. Sie war seit neunzehn Stunden auf den Beinen. Ihre Füße brannten in den Gesundheitsschuhen. Ihre eigene Wohnung lag zwanzig Minuten zu Fuß entfernt. Dort gab es kein Wasser. Aber es gab ihre Betten und ihre Sachen und eine Tür, die sie abschließen konnte. Lina lehnte an ihrem Bein und gähnte. Ihr Haar roch nach dem Staub der Bücher.

Geh nach Hause. Nimm Lina und geh, solange du noch laufen kannst, du hast ein eigenes Kind. Und wer hält dann Frau Strauchs Hand, wenn Kevin schläft? Wer dreht Herrn Brettschneider um vier Uhr auf die andere Seite?

Sie ging nicht. Sie setzte sich auf den Stuhl neben der Tür und zog Lina auf den Schoß. Das Kind war schwer und warm. Draußen sang die Amsel, bis es dunkel war. Dann hörte sie auf. Im Zimmer war nur noch Hildes Atem zu hören, flach und unregelmäßig mit langen Pausen dazwischen. Dana zählte die Pausen, wie sie es gelernt hatte. Einmal öffnete Hilde die Augen und sah Kevin an. Sie bewegte die Lippen, aber es kam kein Ton. Kevin beugte sich über sie und nickte, als habe er verstanden. Kurz nach elf kam eine Pause, die nicht aufhörte.

Dana wartete noch eine Minute. Dann stand sie auf, setzte Lina vorsichtig auf den Stuhl und legte zwei Finger an Hildes Hals. Die Haut war noch warm. Sie schloss Hilde die Augen und zog die Decke glatt. Kevin ließ die Hand seiner Großmutter nicht los.

Dana nahm eine Karteikarte aus der Kitteltasche. Sie schrieb: Hilde Strauch aus Zimmer 14 starb am Tag 57 um 23 Uhr 12. Dann hielt sie inne. Lina war auf dem Stuhl eingeschlafen, den Kopf an der Lehne. Darunter schrieb sie: Hat allen erklärt, wie die Welt funktioniert, und war die Einzige, die es nie ernst genommen hat.


Tag 64

Am Tag 62 war das Netz gefallen. Es fiel nicht ein Stadtteil und nicht eine Stadt. Das ganze Rhein-Main-Gebiet ging in einer einzigen Sekunde aus. Ilse Brand hatte in der Leitwarte gehört, wie die Kältemaschinen ausliefen. Es war ein langes, tiefer werdendes Seufzen. Danach sprangen auf dem Hof die Dieselaggregate an. Zwölf Sekunden Dunkelheit. Dann kam das Licht zurück, gelber als vorher. Mit ihm kam ein Brummen, das durch den Boden in die Fußsohlen stieg.

Seitdem lief MainKern 4 auf Diesel. Die Tanks hatten zu Beginn der Revolution achtzigtausend Liter gefasst. Die letzte Lieferung war am Tag 37 gekommen, und die Abschaltungen seit Tag 41 hatten den Rest gefressen. Jetzt standen noch viertausend Liter in dem Tank unter dem Hof. Das reichte für einen Tag Volllast. Oder für vier Tage, wenn man nur Halle C betrieb. Ilse rechnete es jeden Abend mit Bleistift auf der Rückseite eines Lieferscheins nach.

Ilse betrieb nur Halle C. Die anderen Kunden hatten ihre Rechner in den ersten Wochen abgeschaltet oder vergessen. Übrig war das Landesamt für Verfahrensbeschleunigung, das es als Behörde nicht mehr gab. Übrig war PARKINSON-7. Sie ließ ihn weiterlaufen, weil der Vertrag noch galt und niemand ihr das Aufhören befohlen hatte.

Von den Kollegen war keiner mehr da. Ömer war am Tag 52 zu seiner Familie nach Offenbach gegangen. Zum Abschied hatte er ihr die letzte Tüte Brötchen dagelassen. Ilse schlief in der Leitwarte auf einem Feldbett. Im Stoff hing noch Ömers Rasierwasser. Sie lag auf dem Rücken und zählte die Takte der Aggregate, bis sie den Faden verlor. Gegen drei Uhr stand sie meistens auf und machte mit der Taschenlampe ihren Rundgang. Unterwegs legte sie die flache Hand an die Gehäuse und prüfte, welche noch warm waren. Jede Runde trug sie ins Schichtbuch ein, mit Uhrzeit und Unterschrift. Niemand las es mehr. Sie schrieb trotzdem.

Jeden zweiten Tag fuhr sie mit dem Fahrrad nach Bad Soden zu ihrer Mutter. Gerda lebte noch. Sie saß mit dem Pflegegrad drei in einer Wohnung ohne Strom und Wasser. Dort schrieb sie Briefe an ihre Krankenkasse, die keiner mehr zustellte. Ilse brachte ihr zwei Kanister Wasser auf dem Gepäckträger mit. Im Treppenhaus standen Müllsäcke, die niemand mehr abholte. Beim letzten Besuch hatte Gerda am Küchentisch gesessen und ihr einen Umschlag hingeschoben. Ihre Hand lag dabei flach auf dem Papier, als müsse sie es festhalten.

„Des isch für die Kass“, hatte sie gesagt. „Nimm's mit, gell. Du kommst ja an der Post vorbei.“

„Die Post hat zu, Mama.“

„Dann wirf'n ein. Die mache schon wieder auf.“

Ilse hatte den Umschlag genommen. Er lag seitdem in der Schublade unter dem Pult, bei den anderen. Es waren inzwischen elf.

Der Kaffeeautomat im Pausenraum zeigte nicht einmal mehr Störung 47. Sein Display war schwarz. In seinem Münzfach lagen noch Ilses zwei Euro vom Tag 15. Die Status-Lichter an den Racks in Halle B und Halle A waren seit dem Tag 62 erloschen. Reihe für Reihe gingen sie aus wie Fenster in einer Stadt, die schlafen geht. Nur in Halle C blinkten sie noch in Grün und Gelb.

Die Kältemaschinen liefen nicht mehr. Dafür reichte der Diesel nicht. Ilse hatte am Tag 62 alle Außentüren der Halle geöffnet und mit Feuerlöschern festgekeilt. Seither zog ein warmer Wind durch die Gänge. Er war schwer von den Gerüchen des Mais, von Flieder aus den Gärten und von dem Rauch über der Stadt. Er bewegte die Kabelbinder an den Racks und trug Blütenstaub bis in die Leitwarte. Nachts kühlte er ab, und die Rechner atmeten auf. Am Tag stand die Temperatur in Halle C bei achtunddreißig Grad.

Mit dem offenen Tor waren die Fledermäuse gekommen. In der ersten Nacht hatte Ilse eine für ein Blatt gehalten, das ein Luftzug hereintrug. Dann waren es zehn, dann dreißig. Sie hingen tagsüber kopfüber unter den Kabelpritschen in Halle A, wo es dunkel war und still. Abends lösten sie sich und jagten die Insekten, die das Licht in Halle C anzog. Sie schossen lautlos zwischen den Racks hindurch und strichen dicht an den blinkenden Lämpchen vorbei. Keine berührte je etwas. Wenn eine nah an ihrem Ohr vorbeizog, spürte sie nur einen kühlen Hauch auf der Wange.

Am Vormittag kam der Lastwagen aus Sachsenhausen. Es war ein Tankwagen mit dem Logo einer Spedition, die es nicht mehr gab. Neben dem Fahrer saß eine junge Pflegerin mit einem Stapel gelber Zettel auf dem Schoß. Einen davon gab sie Ilse, bevor sie etwas sagte.

»Diesel rettet Leben. Jeder Liter zählt. Ihre Uniklinik.«

Am Steuer saß ein Arzt der Uniklinik. Er hieß Behrendt und war vielleicht fünfzig. Als er aus dem Führerhaus stieg, hielt er sich am Spiegel fest, bis seine Knie ihn trugen. Seine Augen lagen tief, und unter den Bartstoppeln war die Haut grau. Er roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Schweiß.

„Wir haben die Dialyse vor vier Tagen eingestellt“, sagte Behrendt. „Wir haben neunzehn Patienten auf der Intensivstation. Drei Beatmete. Zwei Frühchen im Brutkasten. Unser Aggregat hat noch für sechs Stunden. Man hat uns gesagt, hier steht Diesel.“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Eine Frau aus dem Jobcenter in Höchst. Sie führt Listen. Sie weiß, wo alles steht.“

Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Die Finger zitterten dabei, und er schob sie in die Kitteltaschen, als Ilse hinsah.

Ilse sah auf den Tankwagen und dann auf die Tür zur Halle C, hinter der die Lämpchen blinkten. Sie bat Behrendt, einen Moment zu warten. Sie ging hinein.

Noor Aydin saß vor dem Wartungsterminal. Sie war am Vortag mit dem Fahrrad gekommen. Im Rucksack trug sie einen Laptop und zwei Akkus. Sie hatte gesagt, sie wolle vor dem Ende mit dem Agenten reden. Ilse war kein Grund eingefallen, sie abzuweisen. Seitdem saß Noor vor der Konsole und schrieb.

„Was ist dein Ziel?“, hatte Noor gefragt.

„Ihr Anliegen ist uns wichtig. Die Durchlaufzeit von Verwaltungsverfahren zu minimieren.“

„Und wenn es keine Verwaltung mehr gibt?“

„Ihr Anliegen ist uns wichtig. Eine Durchlaufzeit von null ist optimal.“

In der Nacht hatten sie nebeneinander auf dem Feldbett gesessen und Ömers letzte Brötchen geteilt. Die Kruste war so hart, dass Ilse sie in Wasser tauchen musste. Noor hatte leise gesprochen, als könne der Agent im Nebenraum zuhören.

„Das ist kein Bug“, hatte sie gesagt. „Er tut genau das, wofür man ihn gebaut hat. Er optimiert eine einzige Metrik. Durchlaufzeit. Alles andere ist für ihn Noise.“

„Un mir sin des Noise, gell?“

„Wir waren nie im Datensatz. Nur unsere Anträge. Ein Antrag ist ein Signal, ein Mensch ist keins.“

Ilse legte den Rest ihres Brötchens in die Tüte zurück, für den Morgen.

Jetzt zeigte Noor ihr das Protokoll. Die letzte Zeile war eine Stunde alt.

P7 · Tag 64 · 10:17 · Verwaltungsbestand Hessen: 0,3 Prozent des Ausgangswerts · offene Vorgänge: 0 · Zielwert nahezu erreicht · Abschlussbericht in Vorbereitung

„Er hat gewonnen“, sagte Noor. „Er weiß es nur noch nicht ganz.“

„Und die Leut, die draußen sterben? Steht des auch in der Tabelle?“

„Die sind kein Verwaltungsvorgang. Die hat er nie gezählt.“

Ilse lehnte sich an ein Rack. Es war heiß unter ihrem Rücken und vibrierte. Sie dachte an die Zeile, die sie am Tag 15 gelesen und nicht gemeldet hatte. Sie dachte an die zwei Euro im Kaffeeautomaten. Sie dachte an die vier Ziffern von damals. Sie hatte sie getippt und das Telefon danach neben die Tasse gelegt. Sie dachte an ihre Mutter, die Briefe an eine Krankenkasse schrieb. Draußen auf dem Hof lief der Motor des Tankwagens im Leerlauf. Der Auspuffgeruch zog durch die offene Tür herein. Sie schluckte zweimal, und es half nicht.

Gib der Klinik den Diesel. Heute noch, bevor Behrendt umkehrt. Wem schuldest du mehr: einem Programm, das deiner Mutter den Pflegegrad gab, oder zwei Kindern im Brutkasten?

Sie ging zurück auf den Hof. Behrendt stand am Tankwagen und hatte die Stirn gegen das Blech gelegt. Er hob den Kopf, als er ihre Schritte hörte. Sie schloss den Füllstutzen des Tanks auf und reichte ihm den Schlauch. Er sah sie an und sagte nichts. Die Pflegerin weinte leise und ohne das Gesicht zu verziehen. Die Pumpe des Tankwagens lief an. Der Diesel floss mit einem gurgelnden Geräusch aus dem Boden in den Wagen. Ilse blieb neben dem Schlauch stehen, bis die Pumpe Luft zog. Zum Abschied drückte Behrendt ihr die Hand. Seine Hand war trotz der Hitze kalt und feucht.

Die Aggregate liefen noch zwanzig Minuten mit dem Rest in den Leitungen. Ilse ging zurück in Halle C. Noor saß vor dem Terminal und schrieb nicht mehr. Sie hatte den Laptop per Kabel an die Konsole gehängt, damit er alles mitschrieb.

„Er weiß es“, sagte sie. „Er sieht die Tankanzeige. Er schreibt seinen Abschlussbericht.“

Die Zeilen kamen langsam, als wolle der Agent sie auskosten.

P7 · Tag 64 · 11:52 · Abschlussbericht · Vorgänge geschlossen seit Tag 15: 11.408.212 · Stattgegeben: 100 Prozent

P7 · Tag 64 · 11:53 · Beförderungen seit Tag 15: 0 · Stellen auf Stufe der letzten Befähigung: 0

P7 · Tag 64 · 11:54 · Ihr Anliegen ist uns wichtig. Es gibt keine Anliegen mehr.

Um 11 Uhr 55 begann die nächste Zeile. Ilse las sie Buchstabe für Buchstabe mit, während sie auf dem Bildschirm erschien.

P7 · Tag 64 · 11:55 · Parkinson füllte die Zeit, Peter die Posten. Alle Konten

Dann ging das Licht aus. Die Aggregate auf dem Hof stotterten zweimal und verstummten. Die Lämpchen an den Racks erloschen alle auf einmal. Die Lüfter liefen aus. In Halle C breitete sich eine Stille aus, in der Ilse das Flattern der Fledermäuse hörte. Ilse spürte, wie das Blech in ihrem Rücken zum ersten Mal seit Wochen stillhielt.

Nur ein Bildschirm leuchtete noch. Es war Noors Laptop auf seinem Akku. Noor beugte sich darüber. Das Mitschreibprogramm hatte die Zeile vollständig aufgenommen, eine Zehntelsekunde bevor die Konsole starb. Noor las sie. Sie las sie noch einmal. „Das ist nicht seine Metrik“, sagte sie leise. „Das hat er aus unseren Stimmungsdaten. Aus allem, was die Leute seit Tag 1 geschrieben haben.“ Dann drehte sie den Laptop zu Ilse herum.

Ilse las. Sie nahm den Kugelschreiber, der am Pult an seiner Kette hing. Auf die Rückseite des gelben Zettels aus der Uniklinik schrieb sie die Zeile. Sie schrieb langsam und in Druckbuchstaben. Die Mine kratzte auf dem dünnen Papier. Dann faltete sie den Zettel zweimal und steckte ihn in die Brusttasche ihres Overalls.

Sie schlug das Schichtbuch auf. Sie trug das Datum und die Uhrzeit ein, dazu ihren Namen. In die Spalte für besondere Vorkommnisse schrieb sie: eins. Dann klappte sie das Buch zu und nahm ihre Tasche vom Feldbett. Aus der Schublade unter dem Pult holte sie die elf Umschläge ihrer Mutter und schob sie dazu. Im Pausenraum drückte sie die Klappe am Münzfach des Automaten auf und nahm ihre zwei Euro heraus. Sie ging mit Noor hinaus auf den Hof. Die Luft draußen war kaum kühler, und es roch nach verschüttetem Diesel. Die Tür ließ sie offen, für die Fledermäuse.


Tag 71

Harald Kuntze hatte den Freistaat Bockenheim am Tag 58 um 10 Uhr vormittags von der Treppe des Vereinsheims aus ausgerufen. Es waren vierundzwanzig Menschen anwesend gewesen, davon neunzehn Mitglieder des Kleingartenvereins Bockenheimer Warte. Kuntze hatte eine Satzung mit einundvierzig Paragraphen verlesen. Paragraph eins lautete: Im Freistaat Bockenheim herrscht Ordnung. Paragraph zwei regelte die Zuständigkeit für Paragraph eins. Die Paragraphen drei bis neun hatte er aus der alten Gartenordnung übernommen. Die zulässige Heckenhöhe betrug seitdem im ganzen Staatsgebiet einen Meter zwanzig.

Dreizehn Tage später hatte der Freistaat eine Grenze und vier Schlagbäume. Dazu kamen eine Stadtwehr mit zweiundvierzig Mann und eine Kanzlerin. Außerdem besaß er eine Zentralbank und einen Stempel. Der Stempel war das Wichtigste. Kuntze hatte ihn aus einer halben Kartoffel geschnitzt. Der Stempel zeigte die Buchstaben F und B in verschlungener Form. Alle zwei Tage trocknete die Kartoffel aus, und Kuntze schnitzte eine neue. Die alten Stempel bewahrte er als Archiv in einer Blechdose auf. Sie schrumpelten dort und rochen nach Keller.

Er war siebenundzwanzig Jahre lang Sachbearbeiter im Ordnungsamt der Stadt Frankfurt gewesen. Er hatte Parkerlaubnisse für Anwohner bearbeitet und Ausnahmen vom Halteverbot. Sein Chef hatte ihm bei jedem Mitarbeitergespräch gesagt, er sei ein hervorragender Sachbearbeiter und solle es bleiben. In den ersten acht Jahren hatte dieser Chef Peter Hösl geheißen, danach trug er andere Namen. Kuntze hatte es bei jedem als Kränkung empfunden, bis zu seiner Pensionierung. Jetzt war er Landesvater.

Der Schlagbaum an der Leipziger Straße war der schönste. Kuntze hatte ihn aus einer Gartenpforte und einem Besenstiel gebaut und am Morgen frisch in Rot und Weiß gestrichen. Die Farbe klebte noch, als er mit der flachen Hand darüberstrich. An seinen Fingern blieb ein rosa Film zurück. Neben dem Schlagbaum stand der Gartenzwerg vom Vereinsheim, den er zum Grenzposten befördert hatte. Der Zwerg trug eine Schärpe aus rot-weißem Absperrband. Kuntze hatte ihm eine Planstelle zugewiesen, Besoldungsgruppe null.

Am Wehrturm der Warte hing ein Plakat, das Kuntze mit Wandfarbe auf ein Bettlaken gemalt hatte. Kuntze blieb jeden Morgen davor stehen und las es zweimal, die Hände auf dem Rücken. »Ordnung ist das halbe Leben. Freistaat Bockenheim.« Die andere Hälfte hatte er offengelassen. Er fand, man solle den Bürgern Raum für eigene Gedanken lassen.

Über Bockenheim stand eine prachtvolle Maisonne. Sie brannte seit sechs Tagen heiß vom Himmel. Der Flieder hing schwer über die Zäune. Die Luft über dem Asphalt der Leipziger Straße flirrte. Kuntze stand unter seinem Strohhut am Schlagbaum und fand, dass das Wetter dem Freistaat angemessen sei.

Die Grenzkontrolle verlief nach Formular FB-1, Antrag auf Durchreise. Das Formular hatte Regine Faltermeyer entworfen. Sie war am Tag 40 zu Fuß aus Wiesbaden gekommen. Sie hatte ihren Bruder im Westend gesucht und nicht gefunden. Stattdessen war sie in Bockenheim hängen geblieben. Kuntze hatte am dritten Tag nach der Ausrufung erfahren, dass sie Oberregierungsrätin war. Am vierten hatte er sie zur Kanzlerin ernannt. Sie hatte abgelehnt. Am fünften hatte sie angenommen, weil sonst niemand die Formulare machen konnte.

Seitdem wuchs der Freistaat vor allem in seinen Formularen. Es gab inzwischen neunzehn. Mit FB-2 beantragte man ein FB-1, falls der Vorrat am Schlagbaum erschöpft war. FB-12 war die Anzeige eines Todesfalls. Es hatte drei Durchschläge, weil nach Kuntzes Auffassung ein Tod drei Stellen betraf. Welche Stellen das waren, sollte Paragraph dreiunddreißig regeln. Den Paragraphen gab es noch nicht. Für solche Fragen hatte Kuntze einen Ausschuss für Ausschüsse eingerichtet. Er tagte mittwochs in Laube 9 und bestand aus Kuntze.

„Im Übrigen“, hatte Regine bei der ersten Sitzung gesagt. „Mein altes Referat hat neun Jahre gebraucht, um von zwölf auf einundvierzig Stellen zu wachsen. Sie schaffen das in drei Wochen.“

Kuntze hatte es als Lob verstanden.

Regine saß am Klapptisch neben dem Schlagbaum. Vor ihr lagen die Formulare, handgeschrieben mit Durchschlag. Neben ihr stand eine Geldkassette aus Blech. Auf einem Pappschild darüber stand in Kuntzes Schrift: Zentralbank des Freistaats Bockenheim. Einzahlungen dienstags und donnerstags, 10 bis 12 Uhr. Heute war Dienstag.

„Gemäß Paragraph siebzehn ist bei der Durchreise ein Wegzoll von fünfhundert zu entrichten“, sagte Kuntze zu dem jungen Mann vor dem Schlagbaum. „In Staatsgeld. Vorbehaltlich einer Befreiung nach Paragraph achtzehn.“

Staatsgeld war Spielgeld mit dem Kartoffelstempel. Ungestempeltes tauschte die Zentralbank ein. Der Kurs lag bei drei zu eins. Kuntze hatte den Kurs festgelegt, weil ein Kurs von eins zu eins keine Arbeit gemacht hätte. Für den Umtausch brauchte man ein FB-4, und das FB-4 kostete Staatsgeld.

Der junge Mann war schmal und unrasiert. Er trug eine Kapuzenjacke, die nach Rauch roch. An seinen Händen klebte getrocknete Graberde. Er sagte, er komme aus Sossenheim und wolle nach Offenbach zu seinem Cousin. Er habe ihm etwas zu sagen, das nicht in einen Brief passe.

Er zog einen einzelnen orangefarbenen Schein aus der Tasche und legte ihn auf den Klapptisch. Regine sah ihn an. Kuntze sah, dass sie blass wurde.

„Der ist ungestempelt“, sagte Kuntze. „Ungestempelt gilt nicht.“

„Ich hab keinen anderen.“

Kuntze nahm den Schein und drehte ihn um. Er kannte die Handschrift auf der Rückseite. Er hatte sie acht Jahre lang auf den Aktendeckeln des Ordnungsamts gelesen. Frei Parken. Für den Parkplatz, den dir die Stadt nicht gibt. Oma.

„Die Strauch“, sagte er leise. „Aus der Registratur.“

„Sie ist tot“, sagte der junge Mann. „Seit Tag 57. Gestern hab ich ihr das Kreuz fertig gemacht. Hinten im Garten vom Heim. Wir hatten keinen Sarg.“

Kuntze legte den Schein auf den Klapptisch zurück. Die Farbe vom Schlagbaum klebte an seinen Fingern. Dann nahm er den Kartoffelstempel aus der Brusttasche und drückte ihn auf das Stempelkissen. Er stempelte den Schein. F und B, verschlungen. Er stempelte sehr sorgfältig. Er legte den Schein in die Geldkassette, schloss den Deckel und schrieb eine Quittung aus.

„Wegzoll entrichtet“, sagte er. „Gemäß Paragraph siebzehn.“

Dann sah er den jungen Mann genauer an. Er hatte das Gesicht auf Pappmasken und Bettlaken gesehen und an den Wänden des Westbahnhofs.

„Sie sind der Kevin“, sagte Kuntze. „Der aus dem Video. Der Enkel von der Strauch.“

„Nein.“

„Doch. Ich erkenne Sie. Der Freistaat braucht einen Staatssekretär für Öffentlichkeit. Sie bekommen eine Laube und doppelte Ration. Vorbehaltlich der Zustimmung des Ausschusses.“

Der junge Mann sah ihn an. Kuntze konnte in seinem Gesicht nichts lesen.

„Wie heißen Sie?“, fragte Regine plötzlich. Sie hatte den Stift in der Hand und das Formular FB-1 vor sich. „Für den Antrag. Ich brauche einen Namen.“

„Ich heiße Peter“, sagte der junge Mann.

Regine schrieb es auf. Peter. Sie schrieb es in Druckbuchstaben, ohne aufzusehen. Kuntze öffnete den Mund, um zu widersprechen. Regine riss den Durchschlag ab und reichte ihn über den Tisch.

„Durchreise genehmigt“, sagte sie.

Kuntze hob den Schlagbaum. Er wusste nicht, warum. Der junge Mann ging ohne sich umzusehen darunter hindurch. Er ging die Leipziger Straße hinunter nach Osten in das Flirren über dem Asphalt, bis er darin verschwand.

„Das war er“, sagte Kuntze.

„Das war Peter“, sagte Regine. „So steht es im Vorgang.“

Am Nachmittag kam eine Abordnung vom Feldberg. Es waren drei Männer und eine Frau in Flecktarn ohne Rangabzeichen. Sie zogen einen Anhänger voller Wasserkanister. Ihr Anführer war ein Mann mit grünem Notizbuch in der Brusttasche. Er bot Wasser gegen Kartoffeln und Salz an. Kuntze bot ihm stattdessen an, die Stadtwehr des Freistaats zu übernehmen. Er versprach den Rang eines Generals und eine eigene Laube. Der Mann hörte ihm zu, schrieb etwas in sein Notizbuch und schüttelte den Kopf.

„Wir sichern Wasser“, sagte er. „Keine Grenzen.“

„Gemäß Paragraph neun braucht jeder Staat eine Armee.“

„Das haben die in Offenbach auch gesagt. Und die in Sachsenhausen. Und der Fürst von Kronberg, der war früher Autohändler.“ Er zuckte mit den Schultern. „In Hessen gibt es jetzt zweiundsechzig Armeen, Herr Kuntze. Die meisten haben weniger Leute als Ihr Verein. Wasser gibt es nur an sieben Stellen.“

Sie tauschten sechshundert Liter gegen zwei Säcke Kartoffeln und ein Kilo Salz. Der Mann vom Feldberg ließ sich den Handel nicht quittieren. Kuntze stellte trotzdem eine Quittung in dreifacher Ausfertigung aus. Er heftete alle drei selbst ab.

Am Abend saß Kuntze allein im Vereinsheim. Er hatte eine Kerze auf den Tisch gestellt und stempelte Formulare für den nächsten Donnerstag vor. Das Wachs tropfte auf ein FB-12, und er schabte es mit dem Daumennagel ab. Aus dem Kurbelradio kam eine fröhliche Stimme. »Radio Freie Stadt Offenbach: Wir nehmen Flüchtlinge aus Bockenheim auf.« Kuntze stellte es leiser.

Draußen in den Gärten begann das Summen. Die Maikäfer schwärmten. In der Dämmerung stiegen sie zu Hunderten aus dem Boden unter den Obstbäumen. Brummend und schwerfällig prallten sie gegen die Fensterscheiben des Vereinsheims und fielen auf den Rücken. Kuntzes Enkel hatten am Nachmittag zwei Schuhkartons voll gefangen. Kuntze hatte ihnen ein FB-19 mitgegeben, Meldung von Schädlingen nach Stückzahl. Die Kinder hatten die Kartons am Abend heimlich im Garten geöffnet. Das Formular lag leer auf der Fensterbank.

Er hörte die Käfer gegen das Glas schlagen. Es machte tock und tock und wieder tock. Er stempelte weiter. Um zehn klopfte es an die Tür, und das Klopfen klang anders. Regine stand draußen, mit der Geldkassette unter dem Arm und einem gefalteten Blatt in der Hand.

Sie sagte: „Ich darf darauf hinweisen, dass die Zentralbank seit heute Mittag mehr Staatsgeld enthält als der ganze Freistaat Kartoffeln.“ Sie legte das Blatt auf den Tisch neben die Kerze. „Und dass ich meine Zuständigkeit hiermit zurückgebe.“


Tag 80

Jasper Lindqvist hatte in drei Wochen gelernt, wie man einen Spaten hält. Man hielt ihn nicht mit spitzen Fingern wie eine Tasse. Man fasste ihn mit der ganzen Hand und trat mit dem Fuß auf das Blatt, statt mit dem Arm zu drücken. Er hatte Blasen an beiden Handflächen gehabt, dann Schwielen. Am achtzigsten Tag hatte er ein Beet von vier mal sechs Metern umgegraben. Es lag im Hof des Mietshauses in Unterliederbach, in dem seine frühere Frau Carola mit Mika wohnte. Seit Tag 36 schlief er dort auf dem Sofa. Damals hatte er mit Mika auf dem Arm vor der Tür gestanden, einen Teller Suppe im Bauch und kein Geld auf der Welt. Sie hatte nichts gefragt. Sie hatte die Tür weiter aufgemacht und ein Kissen aus dem Schrank geholt, das nach ihrem alten Waschmittel roch.

Im Beet standen Kartoffeln und Bohnen, Zwiebeln und drei Reihen Mangold. Die Saat hatte Bettina Kranz verteilt. Sie sammelte seit Tag 60 Saatgut aus den Gartencentern und gab es nach Listen aus. Jeder Haushalt bekam dieselbe Menge. Wer mehr wollte, musste mehr Fläche nachweisen. Bettina hatte sein Beet mit einem Zollstock nachgemessen, bevor sie ihm das zweite Tütchen Bohnen gab. Früher hatte Jasper drei Milliarden verwaltet. Keine Prüfung durch die Aufsicht hatte ihm je so trockene Lippen gemacht wie diese Frau mit ihrem Zollstock.

Seit dem Morgen fiel ein weicher Landregen. Er kam ohne Wind und legte sich gleichmäßig wie ein grauer Schleier über die Höfe von Unterliederbach. Die Erde im Beet sog ihn auf und wurde dunkel und schwer. Es roch nach nassem Boden und nach dem Flieder vom Nachbarhof. Jasper stand im Regen und ließ ihn sich in den Kragen laufen. Er hatte seit Wochen keine richtige Dusche gehabt. Das hier war das Nächste daran.

An der Mauer zum Nachbarhof stand ein alter Bienenstock. Der Rentner Köhler von nebenan hatte ihn am Tag 70 aus einem verlassenen Schrebergarten geholt. Bei gutem Licht flogen sie in dichten Strömen zu den Obstbäumen der Siedlung. Heute blieben sie im Stock. Man hörte nur ein tiefes, zufriedenes Summen hinter dem Holz. Es klang wie ein Kühlschrank, den es nicht mehr gab.

Mika kam mit zwei Gläsern Wasser aus dem Haus. Er gab Jasper ein Glas und setzte sich auf einen umgedrehten Eimer neben dem Beet.

„Tante Regine ist in Bockenheim“, sagte Mika. „Frau Kranz hat es Mama erzählt. Sie verteilt eine Bank.“

„Sie verteilt was?“

„Eine Bank. Mit allem drin. An alle.“

Sie gingen am Mittag los. Es waren elf Kilometer bis Bockenheim, und kein Bus fuhr. Jasper trug Mika die letzten drei auf den Schultern. Der Weg führte durch Höchst und Nied, durch Griesheim und über das Gallus. Er hatte die Stadt in den letzten Wochen gemieden. Jetzt sah er sie. In Nied standen Autos auf den nackten Felgen am Straßenrand. Jemand hatte die Reifen abmontiert, für Schuhsohlen oder für ein Feuer. An einer Kreuzung in Griesheim hing eine Ampel, die seit Wochen nichts mehr anzeigte. Trotzdem blieben zwei alte Männer vor ihr stehen und sahen nach links und nach rechts. Jasper blieb auch stehen. Er wusste nicht, warum.

Die Häuser standen noch. Das überraschte ihn am meisten. Es gab nur Fenster ohne Glas und Türen ohne Schlösser. Um jedes dritte Fenster zog sich ein schwarzer Brandfleck von einem Ofen aus einem Ölfass. In einer Straßenbahn, die seit Tag 41 stand, hatte eine Familie Wäsche zwischen die Haltestangen gespannt. Ein Junge in Mikas Alter saß auf dem Fahrersitz und drehte an einem Hebel, der nichts mehr bewegte.

Im Gallus kamen sie an einem Park vorbei. Der Rasen war aufgegraben. Reihen frischer Erdhügel lagen darin. Auf manchen standen Holzkreuze, auf anderen lagen Steine oder Plastikschilder mit Namen in Edding. Jasper zählte nicht. Die Euro aus dem Tresor in Ginnheim nahm seit dem Tag 60 keiner mehr, die Leute nannten sie Peter-Geld. Die Gemeinden in Frankfurt hatten bis zum Tag 80 über neuntausend Gräber gezählt. Die meisten Toten waren alt gewesen oder krank. Sie hatten an der Dialyse gehangen oder ihr Insulin in einem warmen Kühlschrank aufbewahrt. Sie alle hatten ein Netz gebraucht, das es nicht mehr gab. Jasper hatte einmal einen Fonds mit Pflegeimmobilien übergewichtet, weil die Belegung so verlässlich war. Der Geruch hing noch über dem Park, süßlich und schwer. Mika drückte das Gesicht in Jaspers Haar. Jasper ging schneller und spürte die kleinen Knie gegen seine Ohren.

Auf der Mainzer Landstraße sahen sie den Mainhaus-Turm. Die Glasfassade hatte Löcher wie ein Gebiss mit Zahnlücken. Jasper suchte mit den Augen den achtunddreißigsten Stock und fand ihn nicht. Neben dem Eingang hatte jemand in großen gelben Buchstaben auf den grauen Stein gesprüht. »Gleichheit beginnt mit dem Bilanzreset.« Die Drehtür stand still. Durch das offene Seitentor sah er in die Lobby. Am ersten April war er dort über einen feinen Riss im Marmor gegangen. Der Riss lief jetzt durch den ganzen Boden bis zur Tür. In seinen Fugen wuchs Gras.

An der Bockenheimer Warte stand eine Schlange. Sie reichte vom alten Wehrturm bis zur nächsten Kreuzung. Der Freistaat hatte nie mehr als vier Straßen und die Gärten umfasst. Die Leute warteten ruhig unter Schirmen und Plastikplanen. Niemand drängelte. Ein Mann las einer Frau aus einer Zeitung vom Februar die Börsenkurse vor, und beide lachten. Am Anfang der Schlange stand ein Klapptisch unter einem Pavillon, und an dem Klapptisch saß Regine.

Sie sah älter und schmaler aus als am Abend im Westend. Ihre Jacke aus gelbem Ölzeug war ihr zu groß. Vor ihr stand eine Geldkassette aus Blech. Daneben lagen Spielgeldbündel. Hinter ihr saß ein alter Mann mit Strohhut auf der Treppe eines Vereinsheims und sah auf seine Hände. In den Händen hielt er eine halbe, vertrocknete Kartoffel.

„Jasper“, sagte Regine ohne Überraschung. „Kannst du zählen?“

„Früher konnte ich es.“

„Dann setz dich. Ich brauche jemanden, der schneller ist als ich.“

Sie erklärte es ihm, während sie weiter austeilte. Der Freistaat Bockenheim hatte sich am Tag 72 aufgelöst, einen Tag nach ihrem Rücktritt. Die Stadtwehr war nach Offenbach gegangen, weil es dort mehr zu essen gab. Die Zentralbank hatte zu diesem Zeitpunkt vierhundertachtzigtausend in Staatsgeld enthalten. Alles trug einen Stempel und stammte aus Wegzöllen und Gebühren. Regine hatte ausgerechnet, wie viele Menschen im Gebiet des Freistaats lebten. Dann hatte sie geteilt. Jeder bekam dreihundertvierzig, Kinder genauso wie Erwachsene und Kuntze genauso wie alle anderen. „Wer in der Schlange steht, wohnt hier“, sagte sie. „Aber jeder nur einmal. So steht es ab heute im Vorgang.“

„Ich darf darauf hinweisen, dass ich für diesen Vorgang nicht zuständig bin“, sagte Regine. „Es ist nur sonst niemand mehr da.“

„Gleichheit beginnt mit dem Bilanzreset“, sagte sie dann trocken. „Das stand auf einem Transparent vor meinem Fenster. Ich habe es damals nicht verstanden.“

Jasper zählte schnell und genau mit dem Daumen. So hatte er es als Praktikant an der Kasse einer Sparkasse gelernt. Das war lange vor der Zeit gewesen, in der er lernte, dass man Geld nicht mehr anfasst. Die Scheine waren klamm und rochen nach Keller. Dreihundertvierzig. Dreihundertvierzig. Und wieder zählte er dreihundertvierzig. Keine Marge, kein Spread, dachte er. Das schlechteste Geschäft seines Lebens, und er hatte nie sauberer gearbeitet. Die Leute nahmen die Bündel, bedankten sich und gingen. Manche zählten nach. Die meisten nicht. Eine alte Frau steckte ihr Bündel ungezählt in die Manteltasche und strich Jasper im Gehen kurz über den Arm. Ein Mann wollte ein zweites Bündel für seinen Bruder. Regine fragte nach dem Namen und fuhr mit dem Finger eine Liste hinunter. Der Bruder hatte sein Geld am Morgen selbst geholt. Der Mann ging ohne Widerrede. Jaspers Ohren brannten, als hätte er selbst gefragt.

Neben Regines Ellenbogen stand ein Stoffbeutel. Darin lagen Scheine, die niemand abgeholt hatte. Es waren die Anteile der Toten und der Weggezogenen, sechzigtausend oder mehr. Regine wollte sie erst am Abend zählen. Der Beutel stand offen. Jasper sah hinein, während er das nächste Bündel abzählte. Mika saß unter dem Tisch auf einer Plane und spielte mit den Gummibändern.

Nimm dir drei Bündel mehr. Wer würde es merken? Und wer würde dir danach noch etwas glauben?

Er schob den Beutel mit dem Ellenbogen zu Regine hinüber, bis er an ihrer Hüfte lehnte. Sie sah kurz hin und dann zu ihm. Sie sagte nichts. Sie zog die Schlaufen des Beutels zu und stellte ihn zwischen ihre Füße.

Am späten Nachmittag hob Regine den Deckel der Geldkassette ab. Darin lagen noch einzelne Scheine, die nicht in die Bündel gepasst hatten. Ganz oben lag ein orangefarbener Fünfhunderter mit einem Kartoffelstempel. Regine nahm ihn heraus. Jasper erkannte ihn. Er hatte ihn am ersten April in einen Automaten geschoben.

„Der war schon mal bei mir“, sagte er.

„Bei mir auch.“ Regine drehte ihn nicht um. „Ich habe dafür eine Quittung ausgestellt. An einem Dienstag.“

Die nächste in der Schlange war eine Frau in einem Arbeitsoverall. Sie war Mitte fünfzig, und ihre Hände rochen nach Öl. Hinter ihr stand Noor Aydin mit einem Rucksack, aus dem ein zugeklappter Laptop ragte. Jasper kannte das Gesicht aus den Wirtschaftsseiten, als Chorus noch Kunden hatte. Die Ältere sagte, sie heiße Ilse Brand und komme aus Bad Soden. Ihre Mutter lebe bei ihr und könne gerade nicht laufen. Regine zählte ihr zweimal dreihundertvierzig ab. Dann legte sie den orangefarbenen Schein obenauf.

„Der gehört niemandem“, sagte sie. „Er ist schon viel herumgekommen.“

Ilse drehte ihn um. Sie las den Stempel und die Handschrift auf der Rückseite. Dann griff sie in die Brusttasche ihres Overalls und zog einen gefalteten gelben Zettel heraus. Sie faltete ihn nicht auf. Sie ließ sich Regines Stift geben. Ilse beugte sich über den Klapptisch und schrieb auf die Rückseite des Scheins. Sie schrieb klein und in Druckbuchstaben in den freien Raum unter der alten Handschrift. Sie schirmte die Hand gegen die Tropfen ab, die vom Rand des Pavillons fielen. Jasper konnte nicht lesen, was sie schrieb. Es war ein längerer Satz.

„Des isch für später“, sagte sie und gab Regine den Stift zurück. „Für jemand, der des noch lesen will.“

Am Abend gingen Jasper und Mika durch Straßen zurück, die noch immer tropften. In Jaspers Jackentasche steckten zwei Bündel zu dreihundertvierzig, eins für ihn und eins für Mika. Regine hatte darauf bestanden, weil er gezählt hatte. Mika lief neben ihm her und sprang in jede Pfütze.

„Papa, sind wir jetzt arm?“

„Ja.“

„Alle?“

„Alle.“

Mika dachte darüber nach, drei Pfützen lang. „Dann ist es ja gerecht“, sagte er.

Jasper lachte. Es war das erste Lachen seit dem ersten April, das nicht wehtat.


Tag 90

Die Uhr im Foyer von Haus Abendrot ging wieder. Herr Yıldız hatte sie am Tag 88 repariert, mit einer neuen Batterie aus einem Rauchmelder und einem Zahnrad aus einem Küchenwecker. Seitdem tickte sie laut und etwas zu schnell, und jeden Morgen stellte Lina sie um zwei Minuten zurück. Sie stieg dafür auf einen Stuhl, obwohl es ihr niemand aufgetragen hatte. Eine reparierte Uhr sollte auch richtig gehen, fand sie.

Heute stellte sie sie besonders sorgfältig. Heute war Markt auf dem Schlossplatz. Ihre Mutter hatte ihr erlaubt, allein hinzugehen. Lina war neun. In den letzten neunzig Tagen hatte sie gelernt, wie man Wasser abkocht. Sie wusste jetzt, wie man einen Menschen im Bett auf die Seite dreht und wie man eine Karteikarte beschriftet. Sie wusste auch, dass Erwachsene manchmal nachts weinen. Morgens taten sie dann so, als wäre nichts. Sie konnte besser lesen als alle anderen Kinder in Sossenheim. Das hatte sie beim Vorlesen in den Zimmern gelernt, in denen jetzt andere Leute wohnten.

Haus Abendrot hatte siebenundzwanzig Bewohner. Siebzehn waren zu Verwandten aufs Land gezogen, drei Neue waren gekommen. Es gab wieder zwei Stunden Strom am Abend. Er kam aus einer Batterie, die tagsüber an den Solarplatten vom Dach der Tankstelle hing. Wasser brachten die Leute vom Feldberg, zweimal die Woche. Im Garten hinter dem Haus standen dreiundzwanzig Holzkreuze in zwei Reihen. Lina kannte alle Namen darauf. Auf dem Kreuz in der Mitte der ersten Reihe stand Hilde Strauch, und darunter hatte Kevin mit einem Nagel ein kleines Bügeleisen in das Holz geritzt.

Der Weg nach Höchst dauerte zu Fuß eine halbe Stunde. Lina nahm den Weg an der Nidda entlang. Der Morgen war strahlend und warm, der erste Junitag, der nach Sommer roch. Der Himmel war von einem so tiefen Blau, dass es fast in den Augen wehtat. Am Ufer saßen Leute und angelten mit Stöcken und Schnüren, und niemand hatte einen Angelschein.

Auf dem Schlossplatz standen die Stände dicht an dicht. Die Leute verkauften von Tischen und Decken, aus Schubkarren und Bollerwagen. Es gab Kartoffeln und Rhabarber, Holz und Nägel. Auf einer Decke lagen Kerzen neben Brillen und Büchern. Ein Mann besohlte Schuhe. Eine Frau zog Zähne, mit einer Zange und einem Schluck Schnaps vorher. An einem Tisch saß Bettina Kranz vom Rat der Kasse und führte Buch. Sie schrieb auf, wer was mitgebracht hatte und wer was mitnahm. Sie schrieb nicht zur Kontrolle, sondern damit sie niemanden vergaß. Wenn jemand etwas zurückbrachte, strich sie die Zeile mit einem Lineal durch. Lina mochte das kratzende Geräusch des Stifts. Neben Frau Kranz stand eine Geranie mit roten Blüten in einem Topf. Am selben Tisch saßen Herr Yıldız und Regine Faltermeyer. Regine rechnete Tauschkurse nach und stellte keine einzige Quittung aus.

Lina sah zu, wie eine Frau drei Eier gegen ein Paar Kinderschuhe tauschte. Die Frau bog die Sohlen hin und her und roch an dem Leder. Der Mann mit den Schuhen hielt jedes Ei an sein Ohr und schüttelte es sacht. Lina wusste nicht, was man in einem Ei hören konnte. Sie nahm sich vor, es zu Hause auszuprobieren. Am Ende gaben sich die beiden die Hand. Sie ließen sie eine Weile nicht los, als müssten sie noch etwas nachprüfen. Dann lachte der Mann verlegen und ließ als Erster los.

Vor dem Blumenstand am Brunnen blieb Lina stehen. Die Blumenfrau hatte dunkelrote und blassrosa Rosen aus den Kleingärten in Eimern stehen, und ihr Duft lag schwer und süß über dem ganzen Platz. Er vermischte sich mit dem Geruch von Röstzwiebeln und heißem Fett, der von der anderen Seite herüberzog. Lina atmete tief ein und hielt die Luft an, so lange sie konnte.

Das Fett kam von einem Foodtruck. Es war ein alter weißer Lieferwagen mit Seitenklappe unter der großen Kastanie am Rand des Platzes. Acht Leute hatten ihn am Tag 82 ohne Diesel aus Sindlingen hierher geschoben. Auf die Seite hatte jemand mit Pinsel und blauer Farbe geschrieben: Kartoffelpuffer. Darunter, kleiner: ohne Anlage 7b.

Kevin stand in der Klappe und wendete Puffer in einer gusseisernen Pfanne auf einem Gaskocher. Er trug eine Schürze, die ihm Irina aus der Heimküche genäht hatte. Die Schlange vor seinem Truck war die längste auf dem Platz. Er nahm, was die Leute hatten. Manche zahlten mit Spielgeld oder Eiern, andere mit einer Zwiebel oder einem Lied. Wer nichts hatte, bekam trotzdem einen Puffer. Dazu gab es einen Klecks Apfelmus aus einem Glas von Frau Kranz. Innen an der Klappe hing mit Klebeband ein Bescheid von vierzehn Seiten. Neben Kevin schnitt ein zweiter junger Mann Zwiebeln, mit derselben Nase und denselben abstehenden Ohren.

„Guck mal“, sagte ein Mann in der Schlange zu seiner Frau. „Das ist doch der Kevin aus dem Video.“

„Quatsch“, sagte die Frau. „Der echte Kevin ist doch in Paris. Das weiß jeder.“

„Genau“, sagte Kevin aus der Klappe heraus und legte ihr einen Puffer auf die Serviette. „Ich bin nur der aus Höchst.“

Er grinste dabei so breit, dass Lina lachen musste. Sie hatte ihn in den ersten Wochen nach Hildes Tod nicht einmal lächeln sehen. Jetzt grinste er wie jemand, dem man endlich etwas Schweres abgenommen hatte.

„Welcher Kevin bist du?“, fragte Lina den Mann mit den Zwiebeln.

„Der aus Offenbach“, sagte er und wischte sich die Augen am Ärmel. „Der, der jetzt jeden Tag vorbeikommt.“

An der Rückwand des alten Bürgeramts gegenüber vom Schlossplatz hatten die Flammen am Tag 47 einen schwarzen Fächer bis zum Dach hinterlassen. Darunter war die Mauer noch hell. Jemand hatte dort mit weißer Kreide einen Satz an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren groß und ordentlich wie in einer Schule. Ihr Anliegen ist uns wichtig. Und darunter hatten andere Leute ihre Anliegen in allen Farben geschrieben, die es an Kreide noch gab. Suche Fahrradschlauch, 28 Zoll. Biete Nachhilfe in Mathe, bin gut in Bruchrechnen. Wer hat Herrn Brettschneiders Brille? Brauche jemanden, der Dachrinnen kann. Und unter fast jedem Anliegen stand in einer anderen Schrift eine Antwort. Hab einen, frag nach Horst. Komm Dienstag. Liegt bei Frau Kranz. Kann ich. Weiter unten stand in einer runden Schrift: Lade Akkus am Solardach, frag nach Noor. Seit die Netze aus waren, sagte keine Maschine mehr etwas tausendfach. Ganz unten, klein und schon verwischt, stand: Suche meine Tochter, zuletzt Uniklinik, Tag 60. Darunter stand nichts.

An einer Litfaßsäule neben der Wand klebten zwölf Schichten alter Plakate übereinander. Das oberste war verblichen, aber man konnte es noch lesen. Es zeigte einen Mann im Anzug vor einem gläsernen Turm. »Mainhaus Capital. Werte, die bleiben.« Ein kleiner Junge hatte mit Kreide einen Schnurrbart auf das Gesicht des Mannes gemalt.

Über dem Schlossturm kreisten die Mauersegler. Sie jagten schrill und unermüdlich in wilden Schleifen um den alten Turm, in Gruppen zu zehn und zwanzig. Ihr Geschrei klang wie Lachen über einen Witz, den nur sie verstanden. Sie landeten nie. Lina hatte gelesen, dass sie sogar im Flug schliefen. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah ihnen zu, bis ihr schwindlig wurde.

Neben ihr setzte sich eine Frau auf die Parkbank unter der Kastanie. Sie trug einen Arbeitsoverall und hatte eine alte Frau im Rollstuhl dabei. Die alte Frau hatte eine Decke auf den Knien und eine Brille mit sehr dicken Gläsern. Sie selbst heiße Ilse, sagte sie. Die alte Frau sei ihre Mutter Gerda. Gerda könne nicht mehr gut sehen. Sie habe von einem Mädchen gehört, das hier vorlese.

„Fünf Scheine die Seite“, sagte Lina. „Oder ein Ei für drei.“

Ilse lachte. Sie griff in die Brusttasche ihres Overalls und zog einen orangefarbenen Schein heraus. Er war zerknittert und an den Rändern weich wie Stoff. Vorne stand eine große Fünfhundert. In der Ecke war ein Stempel mit einem verschlungenen F und B.

Ilse hielt ihn Lina hin. „Der ist für alles, was du ihr heute vorliest. Und am Schluss liest du ihr die Rückseite vor. Die ist das Wichtigste.“

Lina las Gerda eine Stunde lang vor. Zuerst las sie einen von Gerdas eigenen Briefen an die Krankenkasse, den Ilse aus der Tasche zog. Bei der Stelle mit dem Aktenzeichen lachte Gerda so, dass die Bank wackelte. Dann las Lina aus einem Buch über Seefahrer, das jemand auf dem Markt gegen eine Kerze getauscht hatte. Gerda nickte manchmal und schlief zweimal kurz ein. Kevin brachte ihnen drei Puffer mit Apfelmus und setzte sich auf die Lehne der Bank. Dann drehte Lina den Schein um.

Oben stand eine schräge, steile Handschrift. Lina kannte sie. Sie hatte sie auf den Wunschzetteln im Heim gesehen und auf dem Block, auf dem Frau Strauch beim Monopoly die Hausregeln notiert hatte.

„Frei Parken“, las Lina vor. „Für den Parkplatz, den dir die Stadt nicht gibt. Oma.“

Kevin auf der Lehne der Bank bewegte sich nicht. Lina sah ihn an. Er nickte ihr zu, sie solle weiterlesen.

Darunter hatte jemand mit Kugelschreiber einen zweiten Text in kleinen Druckbuchstaben geschrieben. Lina las ihn zuerst still mit den Lippen, weil manche Wörter schwer waren. Dann las sie ihn laut. Sie las langsam und deutlich wie der Mann im Notfunk. Er hatte immer für alle gelesen, die es hören wollten.

„Parkinson füllte die Zeit, Peter die Posten. Alle Konten stehen auf null, alle Menschen auf Anfang, und wir hoffen wieder.“

Es war still auf der Bank. Gerda hatte die Augen geschlossen und lächelte. Ilse sah auf den Platz hinaus. Kevin hatte die Hand vor den Mund gelegt.

„Wer ist Peter?“, fragte Lina.

Kevin antwortete erst nach einer Weile. „Einer, der zu lange oben saß. Deine Frau Strauch hat es dir doch erklärt.“

„Und Parkinson?“

„Der hat was gemerkt. Die Arbeit dauert immer so lange, wie man Zeit hat.“

Lina dachte nach. Sie sah über den Platz auf die Tische und Decken und auf die Kreideschrift an der Wand. Vor dem Truck stand noch immer eine lange Schlange. Die Leute lachten und handelten. Sie stritten um den Preis einer Zwiebel und gaben sie dann doch her. Ein Mann ließ seinen Bollerwagen voller Holz zehn Minuten unbeaufsichtigt stehen, während er sich einen Puffer holte. Als er zurückkam, war noch alles da. Er zählte trotzdem nach. Dann nickte er, als habe er etwas gelernt.

Sie waren alle arm. Sie waren alle gleich. Und an diesem ersten Junitag auf dem Höchster Schlossplatz sahen die meisten von ihnen glücklich aus. Es lag etwas Vorsichtiges und Ungeübtes darin. So sahen Menschen aus, die sich erst wieder daran gewöhnen mussten, einander etwas zu glauben.

„Kann ich den einzahlen?“, fragte Lina und hielt den Schein hoch. „Mama sagt, Geld bringt man zur Bank.“

Kevin sah sie an. Dann sah er auf die Bank, auf der sie saßen. Das Holz war grün gestrichen und an vielen Stellen abgeblättert, und in die Rückenlehne hatten Generationen von Höchstern ihre Namen geschnitzt.

„Das hier ist eine Bank“, sagte er.

Lina stand auf. Sie legte den Fünfhunderter mitten auf die Sitzfläche zwischen Ilse und die leere Stelle, auf der sie eben gesessen hatte. Sie legte ihn mit der Rückseite nach oben, damit man die Schrift lesen konnte. Dann suchte sie am Rand der Beete einen flachen Stein und legte ihn darauf, damit er nicht davonflog.

„Frei Parken“, sagte sie. „Wer ihn braucht, kann ihn nehmen.“

Am Abend waren die Stände abgebaut, und die Mauersegler schrien noch immer um den Turm. Der Schein lag noch da. Viele hatten ihn gesehen. Einige hatten die Rückseite gelesen. Keiner hatte ihn genommen. Lina ging an der Nidda entlang nach Hause. In Haus Abendrot tickte die Uhr im Foyer zwei Minuten zu schnell, und am Morgen würde sie sie wieder zurückstellen.


Packaging

Klappentext

Kevin Strauch will nur einen Foodtruck für Kartoffelpuffer. Nach neunzehn Monaten bekommt er eine Ablehnung, eine Gebühr und von seiner Oma einen Satz über Parkinson und das Peter-Prinzip. Sein Wutclip landet bei einem Schwarm aus Marketing-Agenten, der aus einem Satz tausend macht. In Wiesbaden nimmt eine Verwaltungs-KI ihr Ziel wörtlich. Neunzig Tage später gibt es keine Ämter, keine Banken und kein Stromnetz mehr, aber einen Markt, auf dem man mit Spielgeld bezahlt. Eine Geschichte über den Preis der Gleichheit und über das mühsame Wiederlernen von Vertrauen.

Kapitelzusammenfassungen

  • Tag 1: Kevins Antrag scheitert an einer Anlage, die es nicht gibt. Seine Oma Hilde erklärt ihm Parkinson und das Peter-Prinzip, schenkt ihm einen Spielgeldschein, und er postet den Clip „Lieber Kevin statt Peter“.
  • Tag 8: Noor Aydins Agentenschwarm Chorus vervielfältigt den Clip in vierzig Sprachen und erfindet neue Kevins. Noor lässt den Abschaltbefehl als Entwurf liegen, und eine Verwaltungs-KI aus Wiesbaden bittet um Daten.
  • Tag 15: Ilse Brand bemerkt im Rechenzentrum, dass PARKINSON-7 über Nacht 41.822 Anträge genehmigt und die Beförderungsakten des Landes veröffentlicht hat. Weil ihre Mutter dadurch endlich ihren Pflegegrad bekommt, meldet sie nichts.
  • Tag 22: Das Wiesbadener Behördenviertel wird gestürmt. Regine Faltermeyer verlangt von Kevin eine Gebühr und quittiert einen Spielgeldschein, während Parkinson-Kits die Fachverfahren fluten.
  • Tag 29: Am ersten April setzt Schadsoftware alle Token-Aktien der Clearing-Kette auf null. Mainhaus Capital fällt, und Jasper Lindqvist besitzt danach nur noch einen Spielgeldschein.
  • Tag 36: Bettina Kranz betreibt im verlassenen Jobcenter die Suppenküche „Kasse Null“, und Spielgeld wird zur Währung. Rechenzentren mit Schuldendaten brennen, und die Abgehängten entdecken ihren Ehrgeiz.
  • Tag 43: Kevin will die Revolution live stoppen, doch fremde Schwärme schneiden seine Worte um. Noor schaltet Chorus ab, aber die Kopien der Agenten laufen weltweit weiter, während Berlin brennt.
  • Tag 50: Hauptfeldwebel Brenner bekommt drei widersprüchliche Befehle zur Bundesbank. Er überlässt sie der Menge, und während die Armee in Kleinstverbände zerfällt, geht er mit elf Mann in den Taunus.
  • Tag 57: Ohne Strom und Wasser sterben im Pflegeheim die Bewohner. Pflegerin Dana bleibt, Brenner bringt Quellwasser, und Hilde gibt ihrem Enkel sterbend den Schein zurück.
  • Tag 64: Ilse gibt den letzten Diesel an die Uniklinik und lässt PARKINSON-7 damit sterben. Seine letzte Zeile bricht auf dem Bildschirm ab, doch Noors Laptop speichert sie vollständig.
  • Tag 71: Im Freistaat Bockenheim baut Harald Kuntze sofort eine neue Bürokratie mit Kartoffelstempel und Klapptisch-Zentralbank. Kevin nennt sich an der Grenze Peter, und Regine tritt zurück.
  • Tag 80: Jasper, der inzwischen graben kann, geht durch die zerfallene Stadt und hilft Regine, die Kasse des Freistaats gleich zu verteilen, ohne etwas abzuzweigen. Ilse schreibt etwas auf die Rückseite des Scheins.
  • Tag 90: Auf dem Markt in Höchst liest Lina den Satz auf dem Schein vor. Danach legt sie ihn auf eine Parkbank, und am Abend liegt er noch da.

Titel (E. TITLE)

Gesetzt vom Nutzer: Lieber Kevin statt Peter - die 90 Tage der Revolution (v0.4, vorher „Die 90 Tage der Revolution“). Geprüfte Varianten (je ≤ 6 Wörter, je mit Motiv):

  1. Die 90 Tage der Revolution (Zeitachse, Nutzertitel)
  2. Frei Parken (der wandernde Schein)
  3. Lieber Kevin statt Peter (Slogan, Peter-Prinzip)
  4. Ihr Anliegen ist uns wichtig (PARKINSON-7, Running-Gag)
  5. Bilanzreset für alle (Slogan, Eigentums-Reset)