Hintergrund: Ein Witz - Sieben Kurzgeschichten
Die sieben Kurzgeschichten wurden an einem Tag mit einem KI-Agenten unter unterschiedlichen Einstellungen erzeugt. Sie basieren auf immer demselben Witz:
Sitzen drei Mäuse beim Bier und geben gegenseitig an.
Sagt die erste Maus: „Ich bin ziemlich cool & locker drauf: Immer wenn bei uns im Haus eine Mausefalle steht, laufe ich hin, klaue den Käse und mache mit dem Bügel der Falle Krafttraining.“
Sagt die Zweite: „Das ist doch gar nichts! Ich bin ein geiler Macker. Immer, wenn bei uns Rattengift verstreut wird, hole ich mir einen Spiegel und eine Rasierklinge und ziehe mir erst mal ne ordentliche Line!“
Als die dritte Maus nichts sagt, fragt die erste: „Und was ist mit dir? Bist wohl nicht so mutig und cool wie wir, was?!“
Antwortet die dritte: „Ihr langweilt mich, ich geh jetzt heim, die Katze vernaschen!“
Sie sehen hier immer nur eine von den sieben Versionen, weil jeden Wochentag eine andere angezeigt wird. Ich weiß, dass dies SEO-feindlich ist und dem Geist des Internets entgegensteht. Aber was denken Sie: viele Unternehmen lassen vermutlich schon heute mit Hilfe von KI ihre schlecht gerankten Seiten modifizieren, um evolutionär ein besseres Ranking in Suchindizes und bei KI-Robotern zu erreichen. Das Prinzip heißt „evolutionäres SEO/GEO“, weil das Ränking als Selektionsdruck die KI zur Optimierung der Webseiten zwingt.
Was die Waage weiß
Klappentext
Am Ende des toten Hafens steht die Räucherei Voss, und über den Aalen, die dort im Rauch hängen, zieht nachts etwas anderes durch die Kisten, das nie auf einem Papier steht. Unten arbeiten die Mäuse. Piet, der prahlt, wie er den Zoll an der Nase führt. Aron, der prahlt mit dem Schnaps, den er sich abzweigt. Und Judith Kalb, die an der Messingwaage die Gewichte auflegt und nie ein Wort zu viel sagt.
Oben, hinter Milchglas, sitzt Alma Voss, die das ganze Haus nur „die Katze" nennt, mit einem Aquarium ohne Fische auf dem Schreibtisch. Als eine Ladung zu leicht ist und der Lehrjunge Nils dafür bezahlt, den keiner beschützt außer der Stillen an der Waage, fällt bei einem Bier ein Satz, über den die ganze Räucherei lacht. Nur Judith meint ihn ernst. Und während sie beginnt, die Katze zu vernaschen, wiegt sie zum letzten Mal ab, was ein Mensch wert ist und was ein Gewicht.
1. Die Räucherei
Den Hafen gab es noch, aber niemand fuhr mehr hinaus. Die Kutter lagen auf dem Schlick, die Rümpfe grün und weich, und wenn die Ebbe kam, standen sie schief da wie Tiere, die man beim Sterben nicht gestört hatte. Am Ende des Kais, wo die Straße in Sand überging, stand die Räucherei Voss. Ein langer, geteerter Kasten aus Holz, schwarz von hundert Jahren Rauch, mit einem Blechschornstein, der sich zur See hin bog.
Drinnen war es warm. Das war das Erste, was jeder Fremde merkte, wenn er durch die niedrige Tür kam. Draußen die nasse Kälte der Marsch, und drinnen diese trockene, braune Wärme aus dem Ofen, die einem in die Kleider ging und tagelang darin blieb. Man roch die Räucherei schon von Weitem. Buchenrauch, Salz, das süßliche Fett der Aale, und darunter, wenn man länger blieb, den Teer der Wände und den kalten Atem des Schlicks unter den Bohlen.
Judith Kalb saß an ihrem Platz gleich neben der Tür, hinter einem Tisch aus zwei Böcken und einer Tür, die man flach gelegt hatte. Vor ihr stand die Waage. Sie war alt, aus Messing, mit zwei runden Schalen an dünnen Ketten und einem Balken, der auf einer Schneide ruhte. Daneben lag der Kasten mit den Gewichten, kleine Messingzylinder von einem Pfund hinunter bis zu einem Gramm, jedes in seiner Mulde aus grünem Filz. Judith kannte sie mit den Fingern. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, welches sie griff. Wenn ein Korb Aale kam, hob sie ihn auf die eine Schale, legte auf die andere die Gewichte, eins nach dem anderen, und wartete, bis der Balken still stand. Dann schrieb sie die Zahl in ihr Buch. Nie eine Zahl zu viel. Nie eine zu wenig.
Sie war seit elf Jahren hier. In elf Jahren hatte sie gelernt, dass die Waage nicht log und die Menschen fast immer. Das machte die Waage zu ihrer besten Gesellschaft.
Was die anderen nicht wussten: Judith führte zwei Bücher. Das eine lag offen auf dem Tisch, für die Katze, für den Zoll, für jeden, der fragte. Das andere trug sie im Kopf und übertrug es nur nachts, in ihrer Kammer, in kleine Spalten auf ein Blatt, das sie unter der Diele verwahrte. In das erste Buch schrieb sie, was das Haus sehen wollte. In das zweite, was die Waage wirklich gesagt hatte. Die Wahrheit und ihren Schatten, sauber getrennt, und nur sie hielt beide in der Hand. Sie hatte nie gewusst, wozu. Sie hatte es getan, wie man ein Messer schärft, das man nicht braucht, weil der Tag kommen kann, an dem man es braucht.
„Judith!" Piet Onno kam von hinten aus dem Rauch, eine Kiste auf der Schulter, und stellte sie krachend auf den Boden. „Wieg das. Und schreib es klein, hörst du. Die Katze hat gesagt, klein."
Judith sah ihn an und sagte nichts. Sie hob den Deckel. Unter einer Lage Aale, glänzend und schwarz, lagen flache Blechkanister, dicht an dicht, ohne Aufdruck. Sie kannte sie. Sie kannte alles, was durch dieses Haus ging, denn alles ging über ihre Waage, das Ehrliche und das Andere, und sie wog beides mit derselben Ruhe.
„Hast du gehört?", sagte Piet.
„Ich schreibe die Aale", sagte Judith. „Das Andere schreibt sich selbst."
Piet lachte, ein zu lautes Lachen, und sah sich dabei um, ob es jemand hörte. Er war ein Mann, der alles laut tat, damit man ihn für mutig hielt. Er trug seine Jacke offen, auch bei diesem Wetter, und an der Hand einen Ring, der zu schwer war für den Finger, der ihn trug. „Du bist mir eine", sagte er. „Elf Jahre an dem Tisch, und keiner weiß, was in dir vorgeht. Vielleicht gar nichts, was?"
Draußen schlug der Wind gegen die Fenster, und ein feiner, kalter Nebel drückte sich durch die Ritzen und legte sich als Schleier über die Lampen, sodass ihr Licht braun und müde wurde. Über dem Kai schrien die Möwen. Sie schrien immer, ob Fisch da war oder nicht, ein Schreien ohne Grund, das man nach einer Weile nicht mehr hörte, bis es plötzlich abriss und die Stille lauter war als der Lärm.
Judith legte das letzte Gewicht auf. Der Balken sank, hob sich, stand. Sie las die Zahl ab und schrieb sie in ihr Buch, und daneben, in einer kleinen Spalte, die nur sie verstand, schrieb sie eine zweite Zahl, die niemand sonst je gelesen hatte.
Am hinteren Ende der Halle, halb im Rauch, stand der große Ofen. Ein gemauerter Kohleofen, mannshoch, mit einer eisernen Tür und einem Zug, den man von Hand stellte. Über ihm, in einem Schacht, hingen die Aale an Stöcken, Reihe über Reihe, und der Rauch stieg an ihnen hoch und machte sie golden. Nils Rehm stand davor, neunzehn Jahre alt, mit rußigen Händen, und schob mit einer Schaufel die glimmende Buche nach. Er tat es vorsichtig, fast zärtlich, als könne er dem Feuer wehtun. Wenn er glaubte, keiner sähe ihn, hielt er die Hände dicht an die Tür und wärmte sie, und in seinem Gesicht lag dann für einen Augenblick etwas, das in diesem Haus sonst niemand zeigte. Ruhe.
Judith sah es. Sie sah alles von ihrem Platz aus. Sie sagte nichts, aber sie schob, wenn er vorbeikam, ihm manchmal ein Stück Brot über den Tisch, ohne aufzublicken, und er nahm es, ohne zu danken, und so hatten sie eine Sprache ohne Worte, die beiden Stillen des Hauses.
Grete Sahl saß am anderen Ende der Halle, an einem Zinktisch, und nahm die Aale aus. Sie war alt, so alt, dass keiner mehr wusste, wie alt, und sie hatte die Räucherei schon bedient, als der Hafen noch lebte und die Kutter voll heimkamen. Das Salz hatte ihre Finger zu Horn gemacht. Sie redete beim Arbeiten vor sich hin, halblaut, ein Fluss von Namen und Wetter und alten Geschichten, und niemand hörte ihr zu, und doch war es, als spräche das Haus selbst durch sie. Lief eine Fahrt schief, wusste Grete es vor allen anderen, denn sie las es in den Gesichtern, die durch die Tür kamen, wie andere den Himmel lesen. Judith mochte sie. Sie waren die beiden Frauen in einem Haus voller Männer, die eine wog, die andere schnitt, und beide taten ihre Arbeit mit Messern, die man scharf halten musste.
Über allem, hinter einer Wand aus Milchglas auf der Empore, saß die Katze.
2. Die Katze
Alma Voss hieß in keinem Mund des Hauses Alma Voss. Man sagte die Katze, und man sagte es leise, auch wenn sie es nicht hören konnte, denn man hatte das Gefühl, sie höre alles. Ihr Büro lag oben, über der Halle, hinter dem Milchglas, und man ging die schmale Holztreppe nur hinauf, wenn sie einen rief. Sie rief selten. Wenn sie rief, war es meist zu spät, etwas daran zu ändern.
Judith war öfter oben als die anderen, weil die Bücher oben lagen. Sie kannte den Raum. Ein Schreibtisch aus dunklem Holz, eine Lampe mit grünem Schirm, an der Wand ein Kalender von einer Reederei, die es nicht mehr gab. Und auf dem Schreibtisch, seltsam und kalt, ein Aquarium. Es war groß, aus dickem Glas, und es war leer. Kein Wasser, kein Sand, keine Fische. Nur das Glas, blank geputzt, und darin nichts als Luft und das grüne Licht der Lampe. Alma Voss hatte einmal Fische darin gehabt, sagte Grete, kleine bunte, aus warmen Ländern. Sie waren alle gestorben in einem Winter, als der Ofen ausging. Alma Voss hatte das Aquarium nie weggeräumt. Sie sah manchmal hinein, wie andere aus dem Fenster sehen, in ein leeres Glas, und niemand wusste, was sie darin suchte.
Man erzählte sich vieles über die Katze, und weil man nichts Genaues wusste, erzählte man umso mehr. Sie sei früher wohlhabend gewesen und habe alles verloren. Sie habe einen Mann gehabt, der ins Wasser gegangen sei. Sie habe nie einen Mann gehabt. Sie komme aus dem Süden, aus der Stadt, von der See. Judith glaubte nichts davon und alles zugleich, denn sie hatte gelernt, dass ein Mensch aus so vielen Gewichten besteht, dass keine einzelne Geschichte den Balken trifft. Sicher war nur eines. Alma Voss hatte aus dem toten Hafen etwas gemacht, das lebte, wenn auch krumm, und sie tat es mit einer Hand, die nie zitterte. Man fürchtete sie nicht, weil sie laut war. Man fürchtete sie, weil sie leise war und trotzdem alles wusste.
„Setz dich, Judith."
Judith setzte sich. Alma Voss war keine große Frau. Sie war schmal und aufrecht, mit grauem Haar, das sie streng zurückband, und mit Händen, die immer ruhig lagen. Nur die Augen bewegten sich. Sie hatte eine Art, einen anzusehen, als lege sie einen auf eine Waage, und Judith, die selbst wog, erkannte das Handwerk und achtete es.
„Die Ladung von gestern", sagte Alma Voss. „Aron hat sie gefahren. Was steht in deinem Buch?"
„Was auf der Waage stand."
„Und was stand auf der Waage?"
Judith nannte die Zahl. Alma Voss nickte, langsam, und sah dabei in das leere Aquarium, als stünde die Antwort dort. Aron Delft war ihre rechte Hand. Das wusste jeder im Haus. Er fuhr die wichtigen Fahrten, er hatte einen Schlüssel zum hinteren Lager, den sonst nur die Katze hatte, und wenn sie einmal nicht da war, sagte man, dann sei Aron die Katze. Sie hatte ihn hochgezogen aus dem Nichts. Vor drei Jahren war er als Laufbursche gekommen, wie Nils jetzt, hungrig und flink, und sie hatte etwas in ihm gesehen und ihm die Hand gereicht, und er hatte sie genommen. Sie vertraute ihm, so weit die Katze überhaupt vertraute. Sie gab ihm die Zahlen, bevor sie den anderen die Zahlen gab. Das war das Zeichen. Wem die Katze die Zahl zuerst nannte, der stand ihr am nächsten.
„Aron ist ein guter Mann", sagte Alma Voss, mehr zu sich als zu Judith. „Er denkt weiter als die anderen. Piet denkt bis zum nächsten Bier. Aron denkt bis nächstes Jahr."
Judith schwieg. Sie hatte in ihrer zweiten Spalte, der, die niemand las, seit drei Monaten etwas stehen, das ihr keine Ruhe ließ. Kleine Zahlen, jede für sich nichts, aber sie war es gewohnt, kleine Zahlen zu addieren, bis sie eine große ergaben. Die große Zahl, die dabei herauskam, gefiel ihr nicht. Sie sagte sie nicht. Man sagte in diesem Haus nichts, was man nicht auf die Waage legen konnte, und dies konnte sie noch nicht auflegen.
Draußen war in der Nacht der erste harte Frost gekommen. Der Schlick war weiß bereift, und die Pfützen auf dem Kai trugen eine dünne Haut aus Eis, die knackte, wenn ein Vogel darauf trat. Ein Reiher stand reglos am Rand des Priels, grau und geduldig, den Hals eingezogen, und wartete auf etwas unter dem Eis, das nicht kam. Er stand so lange still, dass man ihn für tot hielt, bis er auf einmal zustieß, ins Leere, und wieder erstarrte.
„Du kannst gehen", sagte Alma Voss. Und als Judith an der Tür war, sagte sie noch: „Der Junge am Ofen. Nils. Taugt er was?"
„Er lässt das Feuer nicht ausgehen", sagte Judith.
Alma Voss sah wieder in das leere Aquarium. „Das ist mehr, als man von den meisten sagen kann", sagte sie.
3. Die kurze Ladung
Es geschah an einem Freitag, dass eine Ladung zu leicht war.
Bohm hatte sie gebracht, mit dem grauen Lieferwagen, den er rückwärts bis an die hintere Rampe fuhr, und Aron und Nils hatten die Kisten hereingetragen, und Judith hatte sie gewogen, eine nach der anderen, so wie immer. Es waren zwölf Kisten. Auf dem Papier, das Bohm mitbrachte, standen zwölf Kisten mit einem Gewicht, und Judith legte die Gewichte auf, und der Balken sagte etwas anderes. Nicht viel. Bei zehn Kisten stimmte es. Bei zweien fehlte etwas. Zwei flache Kanister, vielleicht drei. Bei einer einzelnen Fahrt wäre es im Rauschen untergegangen. Aber Judith hatte die zweite Spalte, und in der zweiten Spalte fehlte seit drei Monaten immer wieder etwas, immer bei denselben Fahrten, immer bei den Fahrten, die Aron begleitet hatte.
Sie legte das letzte Gewicht zurück in seine Mulde. Der grüne Filz nahm es auf wie eine Hand.
Sie hatte die Fahrten im Kopf, alle, drei Monate zurück. Immer, wenn Aron gefahren war, fehlte hinterher ein wenig. Nie, wenn ein anderer gefahren war. Ein einzelner Fall war Zufall. Zwei waren Pech. Sieben in Folge waren kein Wetter mehr, sondern eine Hand. Judith kannte den Unterschied zwischen dem, was geschieht, und dem, was einer tut, so wie sie den Unterschied zwischen einem Gramm und einem Pfund kannte, mit geschlossenen Augen, an ihrem Gewicht.
Aron stand neben ihr und sah ihr über die Schulter. Er war ein hübscher Mann, das musste man ihm lassen, dunkel und schnell, mit einem Lächeln, das kam und ging wie ein Lichtschalter. Er trug das Hemd offen und darunter, an einer Kette, ein kleines silbernes Röhrchen, von dem er behauptete, es sei zur Erinnerung an seinen Vater. Es war nicht zur Erinnerung an seinen Vater. Judith wusste, was darin war und was er nachts in der Kammer hinter dem Lager damit tat, mit einem Taschenspiegel und einer Rasierklinge, und dass er danach redete wie ein Wasserfall und die Welt für zu klein hielt für einen wie ihn.
„Und?", sagte Aron. „Stimmt es?"
Judith sah auf ihr Buch. Sie hätte die wahre Zahl schreiben können. Sie hätte hinaufgehen können zur Katze und die zweite Spalte auf den Tisch legen können, neben das leere Aquarium, und dann wäre alles an diesem Freitag zu Ende gewesen. Sie tat es nicht. Nicht aus Angst. Sie hatte gelernt, dass man eine Zahl erst nennt, wenn sie schwer genug ist, um jemanden zu tragen, den man tragen will. Ihre Zahl war noch nicht schwer genug. Sie brauchte noch ein paar Gramm.
„Es stimmt", sagte Judith, und schrieb die Zahl, die auf dem Papier stand, nicht die von der Waage.
Aron lächelte, kurz, und das Lächeln ging wieder aus. „Brave Judith", sagte er. Er meinte es nicht freundlich. In seinem Kopf war sie ein Möbelstück, das rechnen konnte, und Möbelstücke fürchtet man nicht.
Aber die Katze wog auch. Am Abend kam Bohm zurück, weiß im Gesicht, und ging sofort hinauf, und man hörte oben nichts, kein lautes Wort, gar nichts, und das war schlimmer als Geschrei. Dann kam Alma Voss die Treppe herunter, langsam, und blieb auf der untersten Stufe stehen, und die ganze Halle wurde still. Selbst der Ofen schien leiser zu brennen.
„Es fehlt etwas", sagte Alma Voss. Sie sagte es ruhig, in die Stille hinein. „Beim Abnehmer fehlt etwas. Zwei Kanister, drei. Über Wochen. Es geht auf dem Weg verloren, sagt der Abnehmer. Auf meinem Weg." Sie sah in die Runde, von einem zum anderen, und legte jeden auf ihre Waage. „Ich mag es nicht, wenn auf meinem Weg etwas verloren geht. Denn dann ist da einer, der es findet."
Draußen ging ein feiner Graupel nieder, Körner aus halbem Eis, die gegen die Scheiben prasselten wie Sand, und in der Ecke unter der Rampe raschelte eine Hafenratte durch die leeren Kisten, ein schnelles, trockenes Geräusch, und war wieder weg, ehe man den Kopf drehte. Niemand sagte ein Wort. Judith saß an ihrer Waage, die Hände auf dem geschlossenen Buch, und wog in Gedanken, wie viel diese Stille wog und wer sie am Ende bezahlen würde.
4. Der Sündenbock
Es traf Nils, weil Nils niemanden hatte.
So machte man das in diesem Haus. Wenn etwas fehlte und die Katze eine Antwort wollte, dann suchte man nicht den Schuldigen, sondern den Schwächsten, und legte die Schuld dorthin, wo sie am leichtesten liegen blieb. Nils war neunzehn, hatte keinen Vater in der Nähe und keine Freunde außer dem Feuer, und er war neu. Neue trugen die Schuld der Alten, das war Brauch.
Piet fing damit an. Piet hatte Gründe, laut zu sein in dieser Woche, denn Piet hatte selbst Angst, dass die Katze bei ihm suchte, und wer selbst Angst hat, zeigt gern mit dem Finger, damit der Finger nicht auf ihn zeigt. Aber es war mehr als das. Nils hatte im Herbst einmal, ohne zu wissen, was er tat, der Katze gesagt, dass Piet drei Fässer falsch verbucht habe, und die Katze hatte Piet dafür einen halben Monat vom Fahren abgezogen. Piet hatte das nicht vergessen. Piet vergaß nichts, was ihm wehtat. Er trug es mit sich wie den zu schweren Ring, und jetzt sah er die Gelegenheit, es dem Jungen zurückzuzahlen, mit Zinsen.
„Der Junge war bei jeder Fahrt dabei", sagte Piet oben, mit einer Stimme, die er extra ruhig machte, damit sie glaubwürdig klang. „Er trägt die Kisten rein. Er ist am Ofen allein, nachts, mit dem ganzen Lager im Rücken. Wer sonst?"
„Aron war bei jeder Fahrt dabei", sagte Judith von unten, so leise, dass es fast unterging.
Piet drehte sich um. „Was hast du gesagt?"
„Nichts", sagte Judith. Es war noch nicht schwer genug. Sie brauchte noch ein paar Gramm.
So kam es, dass sie den Jungen holten. Bohm holte ihn vom Ofen weg, und Nils ging mit, weil er nicht wusste, dass man nicht mitgehen durfte, und in der Kammer hinter dem Lager stellten sie ihm Fragen, auf die es keine richtige Antwort gab, denn eine falsche Tat, die man nicht getan hat, kann man nicht gestehen und nicht abstreiten, ohne dass beides wie Lüge klingt. Piet schlug ihn. Nicht die Katze, die Katze schlug nie selbst, sie sah nur zu, mit den ruhigen Händen im Schoß. Piet schlug, und er schlug den Jungen auf die rechte Hand, immer wieder auf dieselbe Hand, mit dem Absatz seines Stiefels, bis etwas darin brach, und danach konnte Nils die Hand nicht mehr schließen, und die Finger standen ein wenig schief, wie die Rümpfe der Kutter im Schlick.
Judith saß an ihrer Waage, den Rücken zur Kammer, und hörte durch die dünne Wand jeden Schlag. Sie legte in dieser Zeit ein Gewicht auf die Schale und nahm es wieder herunter, ein Gramm, immer wieder dasselbe, ohne einen Grund, nur um die Hände zu beschäftigen, damit sie nicht taten, was die Hände tun wollten. Aufzustehen wäre leicht gewesen. Es wäre auch nutzlos gewesen. Ein Wort von ihr jetzt, und sie säße morgen selbst in der Kammer, und dann wäre niemand mehr übrig, der die zweite Spalte führte, und alles, was der Junge dort litt, litte er umsonst. Sie zwang sich, an die Waage zu denken. Ein Balken, der zu früh ausschlägt, wiegt falsch. Man wartet, bis er still steht. Das war das Härteste, was sie je gewartet hatte.
Sie warfen ihn nicht hinaus. Das war das Schlimmste. Hätten sie ihn hinausgeworfen, wäre er frei gewesen. Sie behielten ihn, mit der kaputten Hand, am Ofen, wo man zwei Hände braucht, und sahen zu, wie er sich mit einer abmühte, und das war die Strafe. Nicht der Schmerz. Die Nützlichkeit des Schmerzes für sie.
Judith wog in diesen Tagen die Aale und schwieg. Aber am dritten Abend, als das Haus leer war, ging sie zum Ofen. Nils saß davor auf dem Boden, die kranke Hand im Schoß, und sah in die Glut. Sie setzte sich neben ihn, was sie nie tat, und legte ihm ein Stück Brot auf das Knie, und sie holte aus der Tasche ihres Kittels ein kleines Messinggewicht, ein Gramm, das kleinste, und drückte es ihm in die gesunde Hand.
„Wozu?", sagte Nils.
„Damit du weißt, dass etwas so klein sein kann und trotzdem den Balken bewegt", sagte Judith. „Wenn man weiß, wo man es hinlegt."
Draußen fror der Regen im Fallen und legte einen Panzer aus Glas über den Kai, über die Poller, über das Tau, das von der Kaimauer hing. Ein Pferd wieherte in der Ferne, das letzte Pferd des Hafens, das dem Kohlenhändler gehörte, ein müdes Wiehern in der Nacht, das über das Eis kam und in der Räucherei nachhallte wie eine Frage, auf die keiner antwortete. Judith blieb sitzen, bis das Feuer niedriger wurde, und stand dann auf und legte selbst Buche nach, mit beiden Händen, für den Jungen, der es nur noch mit einer konnte.
5. Beim Bier
Am Samstag tranken sie. Das taten sie jeden Samstag, wenn die Katze fort war, unten in der Halle, an dem langen Tisch, wo sonst die Aale lagen. Grete hatte Brot und Speck hingestellt, und Bohm hatte Bier gebracht, in braunen Flaschen ohne Etikett, und die Männer saßen um die eine Lampe und wurden laut, und die Wärme des Ofens und der Rauch und das Bier machten aus dem elenden Haus für ein paar Stunden fast einen Ort, an dem man leben konnte.
Judith saß am Rand, wie immer, ein wenig abseits, mit einer Flasche, die sie nicht anrührte. Nils war nicht da. Nils lag in seiner Kammer, mit der Hand, und keiner fragte nach ihm.
Piet war zuerst betrunken, und Piet prahlte zuerst. Das war die Ordnung. „Ich sag euch was", rief er und schlug mit dem Ring gegen die Flasche, sodass es klingelte. „Ihr habt alle Angst vor dem Zoll. Ich nicht. Der Zoll ist meine Turnhalle. Letzte Woche, die Kontrolle an der Schleuse. Der Beamte hebt den Deckel, und was mache ich? Ich lache ihn an. Ich fasse mit der Hand hinein, mitten zwischen die Kanister, und hole einen Aal raus und halte ihn ihm unter die Nase. Riech mal, sage ich, ist der frisch oder nicht? Und der Kerl weicht zurück, weil er den Fisch nicht anfassen will, und winkt mich durch. Mitten in der Falle greife ich mir den Fisch und mache noch einen Spaß dabei. So macht man das. Locker muss man sein. Cool."
Die anderen lachten, und Piet wuchs unter dem Lachen, und er trank und war zufrieden mit sich, weil man ihn für mutig hielt.
„Das ist doch nichts", sagte Aron. Aron war jetzt an der Reihe, und Aron ließ sich Zeit, weil er wusste, dass er die bessere Geschichte hatte. Er lehnte sich zurück und zog an der Kette das silberne Röhrchen aus dem Hemd und hielt es in das Licht, sodass es blitzte. „Ihr wisst, was hier durchgeht. Der ganze Stoff. Und ihr tragt ihn nur. Ich nicht. Wenn nachts eine Kiste offen steht und die Katze schläft, dann hole ich mir meinen Spiegel und meine Klinge und ziehe mir erst mal eine ordentliche Line von dem, was durch dieses Haus geht. Aus dem eigenen Lager. Unter ihrer eigenen Nase. Das ist Mut. Nicht ein Fisch vor der Nase von so einem Beamten. Sich am Gift der Katze selbst bedienen, während sie über dir schläft. Ich bin der Einzige hier, der sich traut, aus ihrer eigenen Kiste zu nehmen."
Er sagte mehr, als er sagen wollte. Das Bier und das andere lösten ihm die Zunge, und in seiner Prahlerei lag der Beweis, den Judith seit drei Monaten in ihrer zweiten Spalte sammelte, ausgesprochen vor Zeugen, an einem Samstagabend, laut. Sie sah ihn an und sah, dass er es selbst nicht merkte. Ein Mann, der prahlt, hört sich nicht zu.
Dann drehten sie sich zu ihr. Das taten sie jeden Samstag. Es gehörte zum Spaß, die Stille zu reizen, weil sie nie zurückschlug.
„Und du, Judith?", rief Piet und stieß Aron an. „Sitzt da wie ein Sack Mehl. Elf Jahre. Bist wohl nicht so mutig und cool wie wir, was? Erzähl uns eine Heldentat von der Waage. Wie du mal ein Gewicht zu schwer aufgelegt hast. Oh, Wahnsinn."
Sie lachten wieder, alle, und warteten auf ihr Schweigen, das immer kam und das sie immer für einen Sieg hielten.
Judith stand auf. Sie schob den Stuhl zurück, ruhig, und stellte die volle Flasche zurück auf den Tisch, ohne getrunken zu haben. Sie sah die beiden Männer an, den einen nach dem anderen, wie sie ein Gewicht ansah, ehe sie es griff.
„Ihr langweilt mich", sagte Judith. „Ich geh jetzt heim, die Katze vernaschen."
Einen Augenblick war es still. Dann brüllte Piet vor Lachen, und Aron schlug auf den Tisch, und Bohm prustete das Bier über den Speck, und die ganze Halle lachte über die stille Judith, die einen Witz gemacht hatte, den ersten in elf Jahren, und was für einen. Die Katze vernaschen. Die Maus, die die Katze frisst. Sie lachten, bis ihnen die Tränen kamen, und keiner von ihnen sah, dass Judith nicht lachte. Sie nahm ihren Mantel vom Haken und ging hinaus in die Nacht, und hinter ihr lachten sie noch, und der Wind riss die Tür aus ihrer Hand und schlug sie zu.
Es hatte gedreht. Ein warmer Wind war in der Nacht von der See gekommen, ein früher Tauwind, der das Eis auf dem Kai weich machte, sodass es unter den Schritten seufzte. Um die Lampe über der Tür taumelten Motten, viel zu früh im Jahr, aus dem Tauwind gelockt, und schlugen gegen das heiße Glas, wieder und wieder, mit dem trockenen Klopfen ihrer Leiber, hin zu dem Licht, das sie verbrennen würde. Judith blieb stehen und sah ihnen einen Moment zu. Dann zog sie den Mantel enger und ging den dunklen Kai hinunter, nach Hause, wo sie die halbe Nacht wach lag und rechnete.
6. Der Ofen
Judith brauchte drei Wochen. Sie hatte es nicht eilig. Wer eine Waage bedient, lernt Geduld, denn ein Balken, der schwingt, wird erst wahr, wenn er stillsteht, und man kann ihn nicht mit dem Finger zur Ruhe zwingen, ohne die Wahrheit zu fälschen.
In diesen drei Wochen tat sie mehrere Dinge, jedes für sich klein. Sie schrieb ihre zweite Spalte ins Reine, sauber, Fahrt für Fahrt, mit Datum, mit Gewicht, mit dem Namen dessen, der gefahren war. Sie legte daneben, was Aron am Samstag gesagt hatte, Wort für Wort, so wie sie sich alles merkte. Sie sah zu, wie Aron in diesen Wochen kühner wurde, denn nichts macht kühner als das Gefühl, ungestraft zu sein, und Aron hatte begonnen, nicht mehr nur zu nehmen, sondern zu planen. Er traf sich am hinteren Tor mit einem Fremden aus der Stadt, einem, der einen besseren Wagen fuhr als Bohm, und Judith, die spät blieb, um die Bücher zu machen, sah die beiden im Licht der einen Laterne stehen und die Köpfe zusammenstecken. Sie hörte nicht, was sie sprachen. Sie musste es nicht hören. Ein Mann, der weiter denkt als bis zum nächsten Bier, denkt bis zu dem Tag, an dem er selbst die Katze ist, und Aron hatte diesen Tag im Blick, und er glaubte, er sei nah.
Das war der Fehler, den Judith brauchte. Sie musste nichts erfinden. Sie musste die Dinge nur so ordnen, dass jeder sich an seinem eigenen Gewicht aufhängte.
Sie half dem Zufall ein wenig nach, so wie man einer Waage hilft, indem man sie gerade stellt, nicht indem man die Schale drückt. Sie sorgte dafür, dass eine Kiste in einer Nacht offen blieb, in der Aron allein im Lager war. Sie sorgte dafür, dass die Katze am Tag darauf beiläufig die Zahl dieser Kiste erwähnte, sodass Aron sich sicher fühlte, sie sei vergessen. Jede dieser Handreichungen war für sich nichts, ein Gramm, ein halbes. Zusammen wogen sie einen Mann. Und über allem ließ sie Aron reden, denn ein Mann, der sich sicher fühlt, redet, und jedes seiner Worte legte sie still in ihre Spalte, neben die Zahlen, bis Wort und Zahl dasselbe sagten.
Sie ging zur Katze. Nicht mit allem. Mit der Hälfte. Sie legte Alma Voss die zweite Spalte auf den Schreibtisch, neben das leere Aquarium, die sauberen Zahlen, Fahrt für Fahrt, und sie sagte kein Wort dazu, denn Zahlen, richtig gelegt, reden selbst. Alma Voss las lange. Ihre Hände lagen ruhig. Dann sah sie in das leere Glas, in dem einmal Fische gewesen waren, die in einem kalten Winter gestorben waren, als das Feuer ausging, und etwas in ihrem Gesicht wurde noch kälter, als es ohnehin war.
„Warum jetzt?", fragte sie. „Das ist Monate alt. Warum bringst du es mir jetzt?"
„Weil es jetzt schwer genug ist", sagte Judith.
Alma Voss verstand. Von allen im Haus verstand nur sie, was das hieß, denn sie wog auch. „Und der Fremde am Tor?", sagte sie, denn natürlich wusste die Katze von dem Fremden am Tor, die Katze wusste immer mehr, als man dachte. „Du hättest mir das früher bringen können, und ich hätte Aron früher gehabt. Aber du wolltest den Fremden mit dazu. Du wolltest, dass er nicht nur stiehlt, sondern dass er mich verrät. Damit ich ihn nicht nur schlage. Sondern ganz."
„Ich lege nur die Gewichte auf", sagte Judith. „Der Balken entscheidet."
Was dann geschah, geschah in einer einzigen Nacht, und Judith hatte es nicht ganz so gewollt, wie es kam, denn ein Balken schwingt, und manchmal schwingt er weiter, als man denkt.
Die Katze stellte Aron eine Falle, wie man einem klugen Tier eine Falle stellt, nicht plump. Sie ließ ihm eine Fahrt zukommen, eine große, und tat, als schlafe sie, und Aron, kühn geworden und sicher, dass die stille Judith ihn deckte, holte in dieser Nacht nicht ein paar Kanister aus einer Kiste. Er räumte das halbe Lager für den Fremden aus. Bohm stand am Tor und sah zu und schwieg, denn Bohm gehörte längst wieder der Katze, und die Falle stand offen.
Aber Nils war am Ofen.
Das hatte niemand bedacht. Der Junge mit der kaputten Hand hielt jede Nacht das Feuer, weil man ihm die Nützlichkeit seines Schmerzes gelassen hatte, und in dieser Nacht, als Aron das Lager ausräumte und der Fremde die Kisten in seinen Wagen lud, kam der Streit. Der Fremde wollte mehr, als abgemacht war, oder Aron wollte plötzlich mehr, das wusste hinterher keiner, und aus dem Flüstern wurde ein Ringen im Rauch, und im Ringen stieß einer von ihnen gegen den Zug des großen Ofens und riss ihn auf, ganz, sodass die Luft in die Glut fuhr wie in einen Rachen.
Judith war da. Sie war in dieser Nacht geblieben, weil sie gewusst hatte, dass etwas geschehen würde, und weil sie den Jungen nicht allein am Ofen wissen wollte, wenn es geschah. Das war der Grund. Nur das. Als der Zug aufflog und die Flamme in den Schacht sprang, wo die Aale hingen und das Fett von ihnen tropfte, wusste sie in einem Atemzug, was kommen würde. Das Fett fing Feuer. Der Schacht wurde zu einem Kamin. Und über dem Schacht, in der Kammer, lag alles, was brennen konnte.
Sie hätte hinauslaufen können. Die Tür war frei. Stattdessen tat sie das, was gegen ihre ganze Natur war, sie, die nie etwas ohne Bedacht bewegte, die jedes Gewicht dreimal wog. Sie lief nicht hinaus. Sie lief in den Rauch, zum Ofen, wo der Junge stand, gelähmt, die kranke Hand an die Brust gedrückt, und sie riss ihn weg, mit einer Kraft, die niemand ihr zugetraut hätte, und warf sich mit ihm zu Boden, unter den Rauch, wo noch Luft war. Und weil sie, während sie ihn zog, mit der freien Hand nach dem Zug griff, um ihn zu schließen, und weil der Griff glühte und ihre Hand sich schloss, obwohl das Eisen brannte, blieb ihr diese Hand.
Sie zog Nils hinaus. Beide, über den Boden, in die kalte Nacht, während hinter ihnen der Schacht loderte und die Aale brannten und der ganze geteerte Kasten Feuer fing, hundert Jahre Rauch, die in einer Stunde aufgingen. Aron kam nicht heraus. Man fand ihn später am hinteren Tor, halb im Wagen des Fremden, der ohne ihn davongefahren war, den Arm voll Kisten, die ihm nie gehört hatten, erstickt an dem Rauch, aus dem er sich sein ganzes kühnes Leben lang bedient hatte. Er hatte aus der Kiste der Katze genommen, und am Ende hatte die Kiste ihn genommen.
7. Was übrig blieb
Die Räucherei Voss brannte bis auf die Bohlen nieder, und die Bohlen sanken in den Schlick, und der Schlick nahm sie, wie er die Kutter genommen hatte. Am Morgen stand nur noch der gemauerte Ofen im Nassen, schwarz und heiß und allein, wie ein Zahn in einem toten Mund, und dampfte in die kalte Luft.
Es war klar geworden über Nacht. Der Tauwind hatte sich gelegt, und ein hoher, harter Frost war gekommen, und der Himmel über dem Hafen war blau und leer und ohne Erbarmen. Über der Brandstelle sammelten sich Stare, ein ganzer Schwarm, und ließen sich auf den warmen Balken nieder, die noch aus dem Wasser ragten, und wärmten ihre Füße an der Glut und schwatzten in ihrer blechernen Sprache, als sei ein Unglück nur ein Ort, an dem es zufällig warm ist. Dann stiegen sie alle zugleich auf, ohne Grund, drehten einmal über dem Kai und waren fort.
Judith hatte die Hand verloren, oder fast. Man rettete ihr drei Finger, die zwei anderen nicht, und die Handfläche blieb vernarbt und steif, sodass sie nie wieder ein Messinggewicht mit den Fingerspitzen erfühlen würde. Sie saß im Krankenhaus der Stadt, in einem Bett am Fenster, und Nils saß daneben, auf einem Stuhl, mit seiner eigenen kranken Hand, und so hatten die beiden Stillen des verbrannten Hauses zwischen sich noch zwei gesunde Hände und wussten nicht recht, was damit anzufangen.
Alma Voss kam, ein einziges Mal. Sie stand am Fußende des Bettes, schmal und aufrecht, die Hände ruhig, und sah Judith an, wie sie immer alles ansah, als lege sie es auf die Waage. Das Haus war fort. Der Stoff war fort, im Wagen des Fremden oder im Feuer. Aron war fort. Piet war in derselben Nacht verschwunden und würde nicht wiederkommen. Von dem, was Alma Voss gewesen war, der Katze, vor der ein ganzer Hafen leise sprach, war nichts geblieben als eine schmale alte Frau am Fußende eines fremden Bettes.
„Du hast es genau so gewollt", sagte sie. Es war keine Frage.
„Ich habe nur gewogen", sagte Judith. „Was verloren ging, ging auf Ihrem Weg verloren. Sie haben es selbst gesagt. Dann ist da einer, der es findet."
Alma Voss sah lange aus dem Fenster, in den leeren blauen Himmel, wie sie sonst in das leere Aquarium gesehen hatte. „Ich hatte einmal Fische", sagte sie, und Judith wusste nicht, warum sie das jetzt sagte. „Kleine, bunte, aus warmen Ländern. Es war schön, sie anzusehen. In einem Winter ging mir das Feuer aus, eine einzige Nacht, und am Morgen waren sie alle tot. Danach habe ich dafür gesorgt, dass mir das Feuer nie wieder ausgeht. In dem ganzen Haus. Und nun sieh."
Sie ging. An der Tür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um, und für einen Atemzug lag in ihrem kalten Gesicht etwas, das fast wie Achtung war, die Achtung eines Handwerkers für einen besseren.
„Die stillste Maus", sagte sie, „frisst am Ende die Katze. Das hätte ich wissen müssen. Ich habe elf Jahre an einer Waage gesessen und nie gesehen, wer daran wog." Und dann sagte sie noch, leise, mehr zu sich: „Ich habe den falschen hochgezogen."
Sie war fort, ehe Judith antworten konnte, und Judith antwortete auch nicht, denn sie hatte gesagt, was zu sagen war, und alles Übrige war Rauch.
Nils blieb. Als sie beide entlassen wurden, in einen Frühling hinein, der spät und zögernd kam, fuhren sie zusammen weg von dem toten Hafen, landeinwärts, wo niemand sie kannte. Judith hatte in ihrem Mantel noch das kleinste Gewicht, ein Gramm, das sie dem Jungen einmal in die Hand gedrückt hatte und das er ihr zurückgegeben hatte im Krankenhaus, ohne ein Wort, und sie trug es bei sich wie andere einen Ring tragen. Sie eröffneten später, weit von der See, einen kleinen Laden, in dem man ehrliche Dinge auf einer ehrlichen Waage wog, Mehl und Nägel und Saatgut, und über der Tür hing als einziger Schmuck ein leeres Aquarium aus dickem Glas, blank geputzt, in dem nie wieder ein Fisch sterben würde, weil nie wieder das Feuer darunter ausging.
Manche im Hafen erzählten sich noch lange die Geschichte von der Räucherei, die abgebrannt war, und von der Katze, die darüber alles verlor. Sie erzählten sie als Unglück, als eine Kette dummer Zufälle in einer windigen Nacht. Nur zwei Menschen wussten, dass es kein Zufall gewesen war, sondern eine Rechnung, geduldig aufgestellt über Monate, und dass sie aufgegangen war bis auf das letzte Gramm. Und die beiden sagten nichts. Sie hatten nie viel gesagt. Das war von Anfang an ihre Stärke gewesen.
Kapitel-Zusammenfassungen
- Die Räucherei. Am toten Hafen steht die Aal-Räucherei Voss, in der über den ehrlichen Fischen anderes durch die Kisten geht; Judith Kalb wiegt an ihrer Messingwaage alles und schweigt. Sie führt ein zweites Buch, das niemand liest, und beschützt wortlos den Lehrjungen Nils am Ofen.
- Die Katze. Inhaberin Alma Voss, im Haus „die Katze" genannt, herrscht hinter Milchglas über einem leeren Aquarium und hat Aron Delft zu ihrer rechten Hand hochgezogen. Judiths zweite Spalte zeigt seit Monaten Fehlmengen, immer bei Arons Fahrten.
- Die kurze Ladung. Eine Ladung ist zu leicht, und Judith verschweigt die wahre Zahl, weil ihr Beweis noch nicht schwer genug ist. Die Katze merkt, dass auf ihrem Weg etwas verlorengeht, und die Suche nach dem Schuldigen beginnt.
- Der Sündenbock. Piet schiebt die Schuld dem wehrlosen Nils zu und zerschlägt ihm aus altem Groll die rechte Hand, während die Katze zusieht. Judith setzt sich nachts zu dem Jungen und gibt ihm das kleinste Gewicht als Zeichen, dass Kleines den Balken bewegen kann.
- Beim Bier. Beim samstäglichen Trinken prahlt Piet mit seinem Trick am Zoll und Aron damit, sich am eigenen Lager der Katze zu bedienen, und liefert damit vor Zeugen den Beweis. Auf ihren Spott antwortet die stille Judith mit der Pointe, über die alle lachen, weil keiner ahnt, dass sie sie ernst meint.
- Der Ofen. Judith ordnet über Wochen die Beweise, bis Arons Ehrgeiz ihn zum Verrat mit einem Fremden treibt, und legt der Katze die Hälfte vor. In der Nacht der Falle reißt der Streit den Ofenzug auf; Judith rettet Nils aus dem Feuer und verliert dabei fast die Hand, während Aron im Rauch erstickt, aus dem er sich stets bedient hat.
- Was übrig blieb. Die Räucherei brennt nieder, die Katze verliert alles und erkennt zu spät, wer an ihrer Waage saß. Judith und Nils gehen landeinwärts und eröffnen einen ehrlichen Laden, über dessen Tür ein leeres Aquarium hängt, unter dem nie wieder ein Feuer ausgeht.
Version: 0.16 — Klappentext-Agent: Klappentext ergänzt (Sequenz abgeschlossen) Status: abgeschlossen Seed: JOKE — drei Mäuse geben beim Bier an; die dritte geht heim, die Katze vernaschen Geschützte Signatur: die Pointe „Ihr langweilt mich, ich geh jetzt heim, die Katze vernaschen!" samt der Dreier-Steigerung Falle, Gift, Katze
Seed-Text (geschützt, wörtlich): „Sitzen drei Mäuse beim Bier und geben gegenseitig an. Sagt die erste Maus: “Ich bin ziemlich cool & locker drauf: Immer wenn bei uns im Haus eine Mausefalle steht, laufe ich hin, klaue den Käse und mache mit dem Bügel der Falle Krafttraining.” Sagt die Zweite: “Das ist doch gar nichts! Ich bin ein geiler Macker. Immer, wenn bei uns Rattengift verstreut wird, hole ich mir einen Spiegel und eine Rasierklinge und ziehe mir erst mal ne ordentliche Line!” Als die dritte Maus nichts sagt, fragt die erste: “Und was ist mit Dir? Bist wohl nicht so mutig und cool wie wir was?!” Antwortet die dritte: “Ihr langweilt mich, ich geh jetzt heim, die Katze vernaschen!”"
Figuren:
- Judith Kalb — führt Waage und Bücher der Räucherei „Voss", die Stille, die dritte Maus; die Protagonistin
- Piet Onno — Auslieferer und Aufpasser, der Lauteste, die erste Maus
- Aron Delft — Nachtmann an den Kisten, die zweite Maus, rechte Hand der Katze
- Alma Voss — Inhaberin der Räucherei, im Haus von allen „die Katze" genannt
- Nils Rehm — neunzehn, Lehrjunge am Ofen und Laufbursche
- Grete Sahl — alt, nimmt die Aale aus, der Chor des Hauses
- Bohm — Fahrer und Mann fürs Grobe der Katze
Zufallsaspekte (per Unix-Millis gewählt): ein Kohleofen (der große Räucherofen) · ein Aquarium ohne Fische im Büro der Katze · eine Waage mit Messinggewichten am Platz der Protagonistin
Dramatische Ursachen (per Unix-Millis gewählt): Schaden bei anderen → Motiv Rache (millis 1784013526830, N=13, idx=2; Motiv N=3, idx=1) · Verrat → Motiv Ehrgeiz (millis 1784013526898, N=13, idx=5; Motiv N=5, idx=1) · Unfall → Motiv Liebe (millis 1784013526971, N=13, idx=0; Motiv N=4, idx=2)
Änderungslog (Agenten):
- v0.1 Startpunkt-Agent — Grundfassung aus der Pointe entfaltet; die Räucherei „Voss", drei Angestellte, eine Inhaberin, die die Katze heißt
- v0.2 Verrats-Agent (Ehrgeiz) — Aron als rechte Hand der Katze, der die Route für sich abzweigt; das Vertrauen zuvor gezeigt
- v0.3 Schaden-Agent (Rache) — Piet lädt die kurze Ladung dem Lehrjungen Nils auf; konkreter Schaden an einem Dritten
- v0.4 Unfall-Agent (Liebe) — Judiths Eingriff am Ofen, dessen Wurzel gezeigt, nicht benannt; Rückschlag in zwei Stufen
- v0.5 Netzverknüpfungs-Agent — Piets Zoll-Nummer und Arons Schnaps-Line als Nebenstränge durchgezogen
- v0.6 Poetische-Gerechtigkeit-Agent — Arons Griff nach der Route schlägt über die Waage auf ihn selbst zurück
- v0.7 Wetter-Agent — je Kapitel genau ein Wetter-Beat, passend oder kontrastiv zur Stimmung
- v0.8 Nebengeräusche-Agent — je Kapitel eine Tieraktivität, artenverschieden, stimmungsspiegelnd
- v0.9 Satz-Kürzer-Agent — lange Sätze zerschlagen; Parataxe statt Hypotaxe
- v0.10 Synonym-Agent — stimmungsnähere Wortwahl
- v0.11 Füllwort-Löschen-Agent — leere Modalpartikeln getilgt
- v0.12 Passiv→Aktiv-Agent — Passivkonstruktionen aktiviert
- v0.13 Verblose-Sätze-Agent — Halbsätze verbvollständigt; keine Gedankenstriche in der Prosa
- v0.14 Zusammenfassungs-Agent — je Kapitel eine Zusammenfassung aus max. zwei Sätzen
- v0.15 Titel-Agent — Titel „Was die Waage weiß" bestätigt
- v0.16 Klappentext-Agent — Klappentext erstellt
Anmerkung
Die Übersetzungen wurden von dem KI-Agenten erstellt und nicht gegengeprüft. Die Texte sind fiktiv. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig. Der KI-Slope ist nur ein Test, um auszuprobieren, wie unterschiedlich die Ergebnisse bei identischen Prompts durch einen KI-Agenten sein können und welche Automatismen auffallen.
Ein Automatismus war, dass der KI-Agent trotz gegenteiliger Anweisung vorherige Versionen mit zu Rate zog. Das kostet nicht nur Token; es macht auch den zweiten Durchlauf weniger vorhersagbar bzw. weniger reproduzierbar.